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Manche Menschen müssen zeitweise ohne Strom und Heizung leben, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Soziale Hilfe

Wie die Schuldnerberatung in Gießen Menschen aus der Geldnot hilft

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Die Schuldnerberatung beim Diakonischen Werk Gießen hilft Menschen, die in Geldnot geraten sind. Die Fachleute erzählen aus ihrem Arbeitsalltag.

Den Briefkasten leeren - für eine Gießenerin ist das jeden Morgen eine Herausforderung. Denn etliche Absender sind Gläubiger, einige gelbe Umschläge signalisieren Mahnbescheide. Was tun, fragt sich die Frau - am Ende etwa "untertauchen und meinen Namen ändern"? Stattdessen findet sie den Weg zur Schuldnerberatung beim Diakonischen Werk Gießen und sieht schon nach kurzer Zeit wieder "Licht am Ende des Tunnels". Mit diesem Erfahrungsbericht illustriert die Beratungsstelle, wie wichtig ihr sozialer Ansatz ist.

Bereits das erste Gespräch gebe den Klienten häufig Zuversicht und setze Kräfte frei, damit sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können, heißt es im Jahresbericht für 2019. Zuvor allerdings durchlaufen viele Verschuldete verzweifelte Monate und Jahre.

Warnung vor unseriöser "Hilfe"

Öffentliche Schuldnerberatung ist kostenfrei für die Ratsuchenden. Richtig teuer werden könnten dagegen unseriöse gewerbliche Hilfsangebote, warnen die Diakonie-Fachelute. Meist würden Originalunterlagen verlangt. Diese würden dann häufig im Beratungsbüro einbehalten oder einem Anwalt zugeleitet und erst nach Zahlung der vereinbarten Summe bearbeitet. "Dies können mehrere hundert Euro sein." Eine Herausgabe der Dokumente bei Beratungsabbruch sei äußerst schwierig zu erreichen. "Unterlagen werden als Druckmittel missbraucht", heißt es vonseiten der Schuldnerberatung des Diakonischen Werks.

Die drei Anlaufstellen der Diakonie in der Südanlage sowie in den Außenstellen Gießen-West und Grünberg werden finanziert von Landkreis, Land, dem Europäischen Sozialfonds sowie kirchlichen Mitteln. Das fünfköpfige Beraterteam hat im vergangenen Jahr insgesamt 910 Menschen wirtschaftlich, rechtlich und psychosozial unterstützt. Zwei Drittel von den Ratsuchenden sind unter 45 Jahre alt. Ein Drittel ist alleinstehend, 17 Prozent alleinerziehend, 36 Prozent sind arbeitslos. In 35 Fälle summierte sich die Schuldensumme auf mehr als 100 000 Euro.

Geringverdiener stellen die Mehrheit unter den Personen, die beraten werden, grundsätzlich aber betreffe das Problem sämtliche Schichten. Sie gerieten finanziell aus dem Gleichgewicht zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, "aggressive" Kreditvergabe oder gescheiterte Selbständigkeit - etwa weil die eigenen Kunden die Rechnungen nicht bezahlen.

Die Zahl der Asylbewerber unter den Klienten wächst, heißt es vonseiten der Schuldnerberatung. Machten ihnen in den ersten Jahren vor allem Handyrechnungen zu schaffen, so hätten sie mittlerweile auch Probleme mit Wohnen, Energie, Warenbestellung im Internet oder Versicherungsverträgen.

Ein erheblicher Teil der Ratsuchenden passe in kein "Reparaturschema", erklären die Fachleute. Für sie stehe zunächst nicht die "Null-Entschuldung" im Fokus, sondern die Stabilisierung. "Nachdem ich bei Ihnen zum Erstgespräch war, konnte ich seit langem wieder das erste Mal ruhig schlafen. Ich habe jetzt wieder Mut gefasst und das Gefühl, es geht vorwärts." So umschreibt ein Klient, wie hilfreich für ihn die Klarheit über mögliche Lösungsschritte war, auch wenn der Weg lang sein wird. Dies sei auch für die Gläubiger wertvoll und natürlich für Kinder. Im Vordergrund stehen zunächst die Zahlung von Miete, Krankenkassenbeiträgen und Energiekosten. Immer häufiger kämen Menschen mit akuten Existenzproblemen in die Beratungsstelle, erklärt die Diakonie.

Mehr Beratungen wegen Neuregelung

191 Klienten wurden 2019 gefördert im Rahmen des Projekts "Sozialintegrative Hilfen in der Schuldnerberatung - Kompetenzen fördern und Hemmschwellen abbauen" des Europäischen Sozialfonds und des Landes Hessen. Es unterstützt Überschuldete, die nur schwer in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Selbstvertrauen und Motivation werden gestärkt. Häufig bekämen die Ratsuchenden einen ganz anderen Blick auf ihre Situation, schildern die Berater - beispielsweise wenn sie erfahren, dass das Vorurteil "alles, was ich verdiene, ist eh weg" nicht stimmt.

Für dieses Jahr erwarten die Fachleute erheblich steigenden Beratungsbedarf durch gesetzliche Neuregelungen beim Pfändungsschutzkonto.

Nach dem Eindruck der Diakonie-Schuldnerberatung wächst die Zahl der Menschen, die den Preisanstieg bei Strom und Gas nicht mehr bewältigen könnten. Insbesondere Nachforderungen bei Jahresabrechnungen führten dazu Sperrungen, dass Menschen vorübergehend oder dauerhaft ohne Strom und Heizung leben müssten. Deren Zahl habe abgenommen, betonen allerdings die Stadtwerke Gießen auf GAZ-Anfrage. 2019 gab es bei ihren Kunden im Versorgungsgebiet - das etwa den Landkreis umfasst - 530 Stromsperrungen. Bis zum Jahr 2014 waren es doppelt so viele. Seitdem steuern die SWG mit Telefon-Inkasso und der engeren Zusammenarbeit mit Sozialämtern gegen. "In Gießen sollen jetzt noch die Quartiersmanagements in die Aufklärungsarbeit einbezogen werden", teilen die Stadtwerke mit.

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