Zeig her, den Huf! Fohlen Fin leidet unter einer Fehlstellung, deshalb passt Melanie Striebinger "Klebeschuhe" an. FOTO: SCHEPP
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Zeig her, den Huf! Fohlen Fin leidet unter einer Fehlstellung, deshalb passt Melanie Striebinger "Klebeschuhe" an. FOTO: SCHEPP

Schuhe für ein Fohlen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Es war von Anfang an ein Sorgenfohlen. Als Fin auf die Welt kam, gab der Tierarzt ihm keine Chance. Die Besitzerin wollte das nicht hinnehmen und brachte das Pferd in die Veterinärklinik Gießen. Die Behandlung zeigt erste Erfolge, und dank der Hufschuhe kann Fin schon viel besser laufen.

Er wird sogar ein bisschen frech. Was sonst in keiner Kinderstube gute Nachrichten sind, hören die Tierärzte um Prof. Michael Röcken gerne. Denn die Bemerkung der Besitzerin zeigt, dass das Fohlen auf einem guten Weg ist. Röcken, Leiter der Klinik für Pferde (Chirurgie, Orthopädie) der JLU, und Hufbeschlagslehrmeisterin Melanie Striebinger schauen sich das Gangbild des Pferdes an. "Schon viel besser", freuen sie sich.

Bei seinem Termin in der Lehrhufschmiede der JLU werden dem kleinen Kerl neue Hufschuhe angepasst. Das ist bei einem Fohlen mit Fehlstellungen eine übliche und Erfolg versprechende Methode, Deformierungen zu korrigieren und weiteren Beschwerden vorzubeugen. In der Lehrschmiede werden längst nicht nur die klassischen Hufeisen angefertigt, sondern auch andere orthopädische Hilfsmittel wie die "Klebeschuhe".

Fin wurde Anfang April geboren, Mitte Juni hat er die ersten Schuhe bekommen, nach weiteren zwei Wochen müssen auch die gewechselt werden, weil sie zu eng geworden sind. Fins Problem ist die Durchtrittigkeit der Hintergliedmaßen. Das bedeutet, dass die Beugesehnen zu lang und zu schlaff sind, sodass er stets nach hinten zu kippen droht. Das ist kein Schönheitsfehler, sondern ein ernsthaftes Problem, erklärt Röcken. Die orthopädischen Kunststoffschuhe sind vielleicht seine Rettung. "Wenn er sich weiter so entwickelt, kann er vielleicht schon bald barhufig durch die Wiesen laufen", sagt Melanie Striebinger.

Ein Kollege hat auf dem Hof der Schmiede bereits die alten Schuhe abgenommen, die Hufe werden nun ausgekratzt und das überflüssige Horn entfernt. Alles muss sauber, trocken, glatt und fettfrei sein. Die Hufschmiedin sucht neue Kunststoffschuhe aus und passt sie an. Nun muss es schnell gehen. Der Komponentenkleber heißt nicht ohne Grund "Super fast". Die Profis drücken den Schuh 30 bis 40 Sekunden fest an, dann wird noch einmal von außen geklebt und gehalten.

Das Pferdchen hält tapfer still, es hat sich nur anfangs gegen die Prozedur gewehrt. Zum Glück steht seine Mutter Leontine gleich daneben, das reduziert den Stress erheblich. Die Fohlen reisen immer mit ihren Müttern an, eine Behandlung wäre sonst viel schwieriger und eine deutlich größere Belastung, schildert Striebinger.

Fin hatte keine guten Startbedingungen ins Leben. Kurz nach der Geburt litt er unter einer Lungenentzündung, Magen- und Darmprobleme kamen hinzu, außerdem stellte man in der Klinik einen Beckenbruch fest.

Doch der Kleine ist offenbar ein Kämpfer, in den vergangenen Wochen hat er große Fortschritte gemacht. Die zur Klinik für Pferde gehörende Lehrschmiede fungiert auch als Ausbildungsstätte, wobei Hufschmied - erstaunlicherweise - kein Lehrberuf ist. Wer diesen alten Handwerksberuf ergreifen möchte, wird zunächst Metallbauer und kann sich dann spezialisieren. Die Lehrschmiede ist bundesweit für ihre Weiterbildungen bekannt. Melanie Striebinger ist seit 2005 Hufbeschlagslehrmeisterin - als einzige Frau in Deutschland.

Gerade im Frühjahr und Sommer haben sie und ihre Kollegen häufig Fohlen, denen sie mit ordentlichem Hufwerk auf die Sprünge helfen. Ob die Geschichte des Sorgenfohlens Fin ein Happy End haben wird, weiß man noch nicht.

Ein bisschen Glück gehört auch immer dazu - und wer weiß, vielleicht haben ja seine "Klebeschuhe" ähnlich magische Kräfte wie sie den Hufeisen nachgesagt werden.

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