Die beiden neuen Ladesäulen in der Senckenbergstraße. FOTO: SCHEPP
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Die beiden neuen Ladesäulen in der Senckenbergstraße. FOTO: SCHEPP

E-Mobilität

Schrittchen statt Schritte bei der E-Mobilität in Gießen

  • Burkhard Möller
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Zwei neue Stromtankstellen sind in Gießen in Betrieb genommen. Warum dies aber nur kleine Schrittchen in Sachen E-Mobilität sind.

Es gab etwas zu feiern Ende Juni in der Senckenbergstraße. Vertreter der Stadt und der Stadtwerke hatten sich um ein Auto zum Gruppenbild aufgestellt, um die Inbetriebnahme von vier neuen Ladesäulen mit jeweils zwei Anschlüssen dort und in der Friedrichstraße zu verkünden. Damit komme die Stadt einer "zentralen Anforderung" für die Energiewende, nämlich der Schaffung eine "flächendeckende Ladeinfrastruktur", nach, hieß es dazu einer Pressemitteilung.

Für E-Autofahrer Reiner Mathar war die Inbetriebnahme eher eine Selbstverständlichkeit. Bereits im Mai hatte er sich an die GAZ und später an den Magistrat gewandt und kritisiert, dass die Ladesäulen in der Senckenbergstraße vor zwei Monaten aufgestellt worden waren, aber immer noch nicht betriebsbereit seien. Im Übrigen sei Gießen noch meilenweit weg von einem flächendeckenden und serviceorientierten Ladeangebot. "Insgesamt gibt es in Gießen im Vergleich zu anderen Städten eine viel zu geringe Zahl an öffentlich zugänglichen Ladestationen", stellte Mathar fest.

Die Stadt zählt auf ihrer Homepage derzeit inklusive der beiden neuen Standorte, die von den Stadtwerken betrieben werden, elf Stromtankstellen mit 16 Säulen und knapp 40 Anschlüssen auf. Die Stadt selbst hat zwei Tankstellen eingerichtet; neben den beiden neuen die in der Rathaus-Tiefgarage. Die anderen öffentlichen Ladestellen stehen bei Firmen wie den Stadtwerken, der Volksbank, beim Lidl-Markt in der Grünberger Straße oder der Wahl-Group. Nicht angegeben von der Stadt sind drei Ladestationen, die der amerikanische Autohersteller Tesla bei drei Gießener Partnerhotels für Fahrer von Tesla-Modellen installiert hat.

Nur 250 E-Autos in Stadt und Kreis Gießen

Rund 40 Steckdosen in der Stadt Gießen sind einerseits nicht viel. Andererseits ist der Bestand an E-Pkw im Raum Gießen sehr überschaubar. Anfang 2019 fuhren im Kreis Gießen rund 250 von 151 000 zugelassenen Pkw mit einem Elektroantrieb. Dass die Stadt Gießen mit zwei zusätzlichen E-Ladesäulen auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2035 "wieder ein Stück weiter" vorangekommen sei, wie Stadtwerke-Dezernentin Astrid Eibelshäuser anlässlich der Inbetriebnahme erklärte, erscheint angesichts der gewaltigen Herausforderung jedenfalls etwas übertrieben. Schrittchen würde es in diesem Zusammenhang wohl eher treffen.

Zumal es auch politisch hakt. Erst unlängst musste der Magistrat in der Bürgerfragestunde des Stadtparlaments einräumen, dass der vom Stadtparlament bereits im März 2018 beschlossene "Runde Tisch Elektromobilität" seitdem ein einziges Mal getagt hat. Was dort gesprochen bzw. entschieden wurde, konnte der Magistrat nicht sagen, weil kein Protokoll geführt wurde.

Laut dem Stadtverordnetenbeschluss von Anfang 2018 auf Antrag der SPD/CDU/Grünen-Koalition sollte der "Runde Tisch" unter anderem eine Ausbauplanung fachlich begleiten. Ziel: Auf allen größeren städtischen und privaten Parkflächen sollten Lademöglichkeiten geschaffen werden, die nach Bedarf erweitert werden können. Sieben öffentliche Ladestationen seien viel zu wenig, stellte die Koalition fest. Seitdem sind vier Standorte dazugekommen.

In Gießen: Arbeitsaufträge nicht erfüllt

Der Magistrat erhielt ferner den Arbeitsauftrag, die städtische Stellplatzverordnung dahingehend zu ändern, dass für jeden Parkplatz zumindest ein Leerrohr zur Verlegung einer Lademöglichkeit vorgesehen wird. Zudem sollte die Möglichkeit geprüft werden, Straßenlaternen sowie Verteiler- und Schaltzentren der digitalen Infrastruktur zu Ladestationen zu erweitern. Von alldem hat man seitdem nichts mehr gehört.

Die Stadt hofft jetzt, mit der Einbindung der Stadtwerke schneller als bisher voranzukommen. Technikvorstand Matthias Funk sieht im Engagement der SWG ein wichtiges Signal: "Wir arbeiten gerade mit unserem Tochterunternehmen ›smartSTADTwerke‹ an Lösungen, die für viele Energieversorger interessant sind - zum Beispiel auch an einem Ladeverbund. Der Betrieb der städtischen Ladesäulen ist für uns eine ausgezeichnete Referenz, die uns helfen wird, andere zu überzeugen."

Bei den beiden neuen Ladesäulen setzte das Hochbauamt auf den sich hierzulande abzeichnenden Standard: Die acht Ladepunkte befüllten die Akkus mit einer Leistung von jeweils 22 Kilowatt. Für den Anschluss braucht es ein Kabel mit Typ-2-Stecker, das zur Ausstattung praktisch jedes in Deutschland verkauften E-Autos gehöre und üblicherweise auch an der heimischen Wallbox zum Einsatz komme. "Zugegeben - es gibt auch schnellere Lademöglichkeiten", räumt Funk ein. Aktuell seien die 22-Kilowatt-Säulen aber der beste Kompromiss zwischen Kosten und Leistung.

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