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Jan Costin Wagner liest als Gast des Literarischen Zentrums Gießen.

Schreiben als Melodiefindung

  • Marion Schwarzmann
    VonMarion Schwarzmann
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Im dritten Anlauf ist es endlich geglückt. Nachdem die Lesung von Jan Costin Wagner bereits beim letztjährigen Krimifestival abgesagt werden musste, scheiterte vor drei Wochen ein Online-Versuch an technischen Problemen. Nun aber gewährte der Autor am Mittwochabend auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen per Webex spannende Einblicke in seinen jüngsten Kriminalroman

Der Leser hat einen entscheidenden Vorteil: Von Anfang an kennt er den Täter in Jan Costin Wagners packendem Krimi »Sommer bei Nacht«. Nachdem der in Frankfurt lebende Schriftsteller sechs Mal seinen finnischen Kommissar Kimmo Joentaa erfolgreich hat ermitteln lassen, siedelt er sein neustes Werk in Hessen an. Genauer gesagt in Wiesbaden. Dort schickt er erstmals das Duo Ben Neven und Christian Sandner ins Rennen und vertraut den beiden einen verzwickten Fall von Kindesentführung und Missbrauch an. Das Außergewöhnliche: Wagner erzählt multiperspektivisch aus der Sicht von 14 Personen und fasziniert durch seine spartanische Sprache.

»Das vielperspektivische Erzählen liegt mir«, berichtet der 48-Jährige im Online-Gespräch mit LZG-Gastgeber Sascha Feuchert von der Universität Gießen. Schon als Jugendlicher habe er sich vorgestellt, was sich hinter den einzelnen Fenstern eines Hochhauses abspielen mag. Sein Anspruch ans Schreiben: Nach der Lektüre soll der Leser etwas besser begreifen. Quasi so, als ob er »vor einem Bild einen Schritt zurücktritt und das Ganze betrachtet«. Die Tätersuche sei nicht der Kern seines Buches, erklärt Wagner, sondern der Verlust von Gewissheit.

Denn bei beiden Kommissaren eröffnen sich unvermittelt seelische Abgründe. Besonders die Figur von Ben Neven liegt dem Autor am Herzen, ist der Familienvater gleichzeitig zielstrebiger Ermittler im rätselhaften Verschwinden des fünfjährigen Jannis und selbst Konsument von kinderpornografischen Bildern. »Missbrauch findet in der Mitte der Gesellschaft statt«, hat Wagner beobachtet.

Ruhig und bedächtig liest der Schriftsteller vor knapp 40 digitalen Zuhörern eine gute halbe Stunde lang wohl ausgewählte Kapitel aus »Sommer bei Nacht«. So platziert er Ben Neven in einer Talkshow-Runde in Berlin, bei der es nicht nur um die Entführung von Jannis und eines weiteren Jungen in Innsbruck geht, sondern auch um einen prominenten Sportler, der im Besitz von Kindesmissbrauchfotos ist. Parallelen zu tatsächlichen Ereignissen sind durchaus gewollt. Wagner lässt aber auch die große Schwester von Jannis zu Wort kommen, die keinen Schlaf mehr findet und dennoch bei einer Busfahrt plötzlich Hoffnung spürt. Und dann gibt es noch Mark Lederer, »eine heimliche Hauptfigur«, bekennt sein Erfinder, ist dieser doch ungebrochen, steht für Verlässlichkeit.

Wagners Sprache zieht in den Bann. Viele kurze Sätze, viele kurze Kapitel, vor denen er öfter Textzeilen aus seinen Songs stellt, die in jener Zeit entstanden sind. Denn für den Musiker Wagner ist »Schreiben immer eine Melodiefindung«. »Der erste und der letzte Satz sind für mich wichtig«, berichtet er, »dazwischen lebe ich in der Ungewissheit, ob der richtige Klang entsteht.« Bei seinen Live-Lesungen vor Publikum spielt er gern auch Klavier. Vielleicht klappt es ja im nächsten Frühjahr dann auch vor Ort in Gießen, wenn der zweite Band rund um das hessische Ermittlerteam im Galiani Verlag Berlin erscheint.

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