An der Schranke

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Am Bahnübergang arbeitete ein Schrankenwärter. Die Straße, die über die Gleise ging, war ganz unbedeutend. Deshalb blieb die Schranke oft lange geschlossen. Die Autos und Fußgänger warteten meistens geduldig, aber es kam doch vor, dass jemand fragte: "Wann kommt der Zug endlich?" Der Schrankenwärter antwortete immer: "Lange kann es nicht mehr dauern - die Schienen liegen schon."

Dieses Jahr hat uns warten gelehrt. Geduldig, ungeduldig, getröstet und ungetröstet wartet die Welt. Manche sterben darüber. Neue Gräben zeigen sich. "Was, das ist deine Einstellung? Das hätte ich nicht von dir gedacht." Alte Gräben werden tiefer: "Systemrelevant? Tut uns leid, mehr als der Mindestlohn ist trotzdem nicht drin." Die Traurigkeit, die wie Mehltau auf der Seele liegt: Was wird aus der Welt, wie wir sie kannten, was wird aus uns?

Wie an der geschlossenen Schranke warten wir, dahinter geht der Weg - wohin? Welche Art von Gesellschaft werden wir sein, wenn der Corona-Ausnahmezustand vorbei ist?

"In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg", verkündet der Prophet Jesaja, "macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!" Jesaja musste in einer verwüsteten Stadt leben. Er und seine Zeitgenossen hatten sich das anders vorgestellt. Sie wollten in ihrer Stadt Jerusalem die Wüste zum Blühen bringen.

Nun sind sie enttäuscht. Sie brauchen eine Stärkung, sie brauchen Trost. Jesaja tröstet mit einem Bild: Gott kommt zu euch. Ihr müsst nur den Weg bahnen.

Darauf möchte ich mich gern einlassen - schon gar in der Adventszeit, wenn doch auch wieder das Licht der Kerzen die anderen Bilder, die mich bedrängen, ins Dunkel zurückweichen lässt.

Gott ist nur eine Wegstrecke entfernt. Der Weg ist noch nicht fertig. Wann endlich? frage ich mich. Der Wärter weiß die Antwort: Lange kann es nicht mehr dauern. Die Schienen liegen ja schon.

Ingrid Volkhardt-Sandori

Ev. Kirchengemeinden Sellnrod/Altenhain

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