Tereza Semotamová
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Tereza Semotamová

Der Schrank als Rückzugsort

  • vonSascha Jouini
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Gießen (jou). Mit ihren seltsamen Angewohnheiten fasziniert Heldin Hana in Tereza Semotamovás Debütroman "Im Schrank". Zunächst nach Deutschland emigriert, kehrte die junge Frau nach Tschechien zurück und lebt nun im Schrank in einem Prager Hinterhof. Als Semotamová (*1983) am Donnerstag den Roman im Rahmen der Giennale im Prototyp vorstellte, bekundete sie Parallelen zwischen sich selbst und der Protagonistin - die Grenze dazwischen verschwimme. Wie sie im Gespräch mit Moderator Marco Rasch vom Vorstand des Literarischen Zentrums ausführte, habe sie lange in einem metaphorischen Schrank gesteckt. Durch das Schreiben fand sie den Weg daraus. So verfasst sie Hörspiele, Features und Kolumnen, ist zudem als Übersetzerin deutschsprachiger Literatur ins Tschechische tätig.

In der absurden Geschichte scheint Hana zuweilen nicht zu wissen, wie sie den Tag herumkriegen soll. Mit ihrem Bekannten, dem Taubenzüchter Novák, fährt sie raus aus der Metropole in die mittelböhmische Provinz. Während Novák offen von sich erzählt, schweigt sie. Im Taubenhof nimmt sie einen Vogel in die Hand, empfindet dabei ein angenehmes Gefühl, das weiche Gefieder und pulsierende Herz zu spüren. Zwischen Hana und Novák sei eine Spannung, sie befänden sich in einer ähnlichen Situation, bemerkte die Autorin dazu. Gemeinsam fahren die beiden zu Márin, überraschen ihn und seine Freundin beim Liebesspiel.

Die Metapher Schrank birgt diverse Dimensionen. Zum einen spielt Semotamová damit auf den Aspekt, sich heimisch zu fühlen an. Sie selbst habe in neuen Wohnungen früher oft ein "Raumproblem" gehabt, wusste nicht, wie man sich ein geborgenes Zuhause schafft. Lang habe sie sich mit ihrer Schwester ein Kinderzimmer in komischen Wohnungen geteilt. In ihrer Fantasie malte sie sich aus, wie es wäre, in einem Schrank zu leben.

Ebenso zentral ist die Tauben-Metapher. Die Vögel würden zuweilen vergessen, wo sie hingehören und nicht den Weg zurückfinden; dies passiere zuweilen auch Menschen, stellte Semotamová fest. Hana fällt es in Deutschland wie in Tschechien schwer, sich in die Gesellschaft zu integrieren, sie weiß nicht, wo ihre Heimat ist. Doch womöglich hat dies, wie im Gespräch mit dem Moderator deutlich wurde, wenig mit dem Wohnland zu tun, vielmehr mit einer inneren Einstellung.

Die Migrationsthematik ist Semotamová ein wichtiges Anliegen - sie schäme sich für die Ausländerfeindlichkeit in Tschechien. Absurderweise würden dort die größten Nationalisten einen populistischen Politiker mit asiatischen Wurzeln wählen. Trotz defizitärer Kulturpolitik existiere eine bunte Künstlerszene.

Das Publikum folgte der Lesung wie Diskussion gebannt. Interessant machten die Veranstaltung gerade die ergiebigen Fragen des Moderators. (Foto: jou)

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