Süßes geht noch am Tag eins nach der Ladenschließung. Foto: cg
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Süßes geht noch am Tag eins nach der Ladenschließung. Foto: cg

Schokolade aus der Grauzone

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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"Mode 70 Prozent reduziert", heißt es im Schaufenster lockend. Das sieht nach Schnäppchen aus. Es ist aber keins. Denn Karstadt hat dicht gemacht. So wie fast alle anderen Geschäfte im Seltersweg. Am Tag eins nach der Ladenschließung wollen es viele noch nicht richtig glauben. Sie gehen gucken. Ist das wirklich wahr?

"Da hätten wir ja gleich daheim bleiben können", mault eine ältere Frau und rüttelt noch mal an der Tür vom Modepark Röther um die Ecke. "Du wolltest ja unbedingt. Das hast du nun davon", nörgelt ihr Mann. Brummelnd ziehen die beiden weiter. Die Straßencafés haben geöffnet. Sie sind nicht voll, aber gut besucht. Eine Clique Jugendlicher lässt sich nieder, bestellt Latte Macchiato. Stühle werden kichernd zueinandergerückt, die Mädchen werfen ihr Haar zurück, die Jungen bringen ihre Sonnenbrillen in Position. Smartphones werden gezückt, Selfies gemacht, alles wie immer. Zwei Meter Abstand? Was geht uns das an?

"Aus gegebenem Anlass müssen auch wir schweren Herzens auf unbestimmte Zeit schließen. Wir werden gemeinsam diese Situation bewältigen." So oder so ähnlich lautet der Text an vielen Ladentüren. Es ist unheimlich. Viele Passanten schauen sich in "ihrer" Einkaufszone um, als sei ihnen plötzlich alles ganz fremd. Und das ist es ja auch. Bei "Hussel" gleich neben den Schwätzern wehen rosafarbene Luftballons im Frühlingswind. "Wir sind für Sie da", steht auf einem großen Plakat. Die Tür steht weit offen. Wie kommt es, dass Sie geöffnet haben? Sind Süßigkeiten lebensnotwendig?

Die Verkäuferin muss diese Frage ständig beantworten. "Offenbar eine Grauzone, genau wie Tee", sagt sie und zeigt auf die gegenüberliegende Seite zum Teegeschäft. Auch das hat geöffnet. Schokolade soll ja glücklich machen, vielleicht ist das der tiefere Sinn. Wahrscheinlicher ist, dass es eine unbeabsichtigte Lücke im nagelneuen Erlass ist und die Schließung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Einstweilen laufen die Geschäfte gut. Die Kunden kaufen Fruchtgummimöhrchen und Fondanteier, wenn es sonst schon nichts mehr gibt im Seltersweg. Wobei das so ganz nicht stimmt. Schnell ein Fischbrötchen oder ein Eis auf die Hand gibt es ja auch. Oder eine Brille von einem der Optiker. "Das glaube ich ja jetzt nicht", ruft empört eine Frau und zeigt auf den Süßigkeitenladen. Sie habe ihren Blumenladen schließen müssen. "Kann mir das einer erklären?" Nein, so richtig nicht.

Vor der geschlossenen Tchibo-Filiale sitzen drei alte Männer beieinander. "Es kann nur besser werden", sagt einer. Schweigen. Pause. "Oder noch viel schlimmer." Pause. "Wenn erst das Sterben anfängt." Sie starren vor sich hin. Für den Moment gibt es nichts mehr zu sagen. (cg)

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