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Die Rechtsmedizin prüft, ob Verletzungen von Kindern durch Unfälle entstanden sind oder ob ein Fall von Misshandlung vorliegt. FOTOS: DPA/HPB

Schockierende Fakten

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Gießen(hpb). Unglaubliche und zum Teil schockierende Fakten bekamen die Teilnehmer zum Abschluss der Senioren-Vorlesungsreihe dieses Wintersemesters im großen Hörsaal des Instituts für Anatomie und Zellbiologie zu hören und zu sehen. Es ging um das sehr ernste Thema Kindesmisshandlung.

"Nicht der Umgang mit Leichen, wie in Krimis meistens gezeigt, sondern insgesamt die Gewalt gegen lebende Menschen ist unser Hauptthema", sagte Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter des Rechtsmedizinischen Institutes in Gießen, zu Beginn seines Vortrags. Bereits ab dem Säuglingsalter seien manche Kinder von häuslicher Gewalt betroffen. Dabei müssten sie ganz verschiedene Arten der Misshandlung erleiden, zum Beispiel Schläge, Stöße, Schütteln, Werfen, Verbrühen oder Verbrennen, Stich- oder Schnittverletzungen. Am häufigsten komme es zu stumpfer Gewalt wie Schläge mit Gegenständen, Faustschläge, Tritte, Ziehen an den Haaren und Ohren sowie Bisse. Seltener komme es zu scharfer Gewalt mit Messern, Rasierklingen oder ähnlichen Gegenständen.

Die Rechtsmedizin habe die schwierige Aufgabe zu unterscheiden, ob Verletzungen durch Unfälle entstanden sind oder ein Fall von Misshandlung vorliegt. Bei sexueller Gewalt fehlen manchmal sichtbare Spuren und Verletzungen. Zur Spurensicherung sei deshalb eine zeitnahe Ganzkörperuntersuchung notwendig. Die Diagnose eines sexuellen Kindesmissbrauchs beruhe zudem in den meisten Fällen auf einer einfühlsamen, fachkundigen Anamnese und nicht allein auf genitalen Befunden.

Von Verbrühen bis Schütteltrauma

Das Schütteltrauma gehört laut Dettmeyer zu den speziellen Fallkonstellationen der Kindesmisshandlung. Es komme hauptsächlich im ersten Lebensjahr vor und werde bei einem Schreibaby meistens von den eigenen Eltern, Großeltern oder anderen Aufsichtspersonen verursacht. Ein besonderer Fall sei das sogenannte Münchhausen-by-proxy-Syndrom (MbpS). Dabei werden in der Regel von der Mutter Beschwerden des Kindes vorgetäuscht oder erzeugt. Während der medizinischen Untersuchung verschweige sie gegenüber den Ärzten ihr Wissen, denn es gehe ihr um mehr Aufmerksamkeit für sich selbst. Werde das Kind von der Mutter getrennt, bilden sich die akuten Symptome und Beschwerden meistens wieder zurück.

Seit 1. Januar 2014 besteht am Institut für Rechtsmedizin das vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration geförderte "Forensische Konsil Gießen - FoKoGi". Dieses Projekt bietet von Gewalt betroffenen Personen die Möglichkeit einer vertraulichen und zeitnahen Befunddokumentation von Verletzungen. Sie soll Menschen, die nach einer Tat keine oder noch keine polizeiliche Anzeige erstatten wollen, die Möglichkeit einer Verletzungsdokumentation eröffnen.

Forensisches Konsil Gießen kann helfen

Auf Wunsch und nur mit Einverständnis der verletzten Person kann die Dokumentation dann zu einem späteren Zeitpunkt als Grundlage eines Gutachtens, zum Beispiel in einem Straf- oder Zivilverfahren, verwendet werden.

Darüber hinaus richtet sich das Projekt an Ärzte, Pädagogen, Jugendämter und Einrichtungen, die von Gewalt betroffene Personen betreuen und rechtsmedizinischen Rat zur Beurteilung eines Einzelfalls benötigen. Seit Bestehen des FoKoGi ist die Zahl der jährlichen Konsultationen von 98 Ende 2013 auf 309 in 2018 gestiegen.

Ausführliche Infos über das "Forensische Konsil Gießen" gibt es im Internet unter www.fokogi.de. Termine können telefonisch unter 0641/9941411 vereinbart werden.

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