Schnittkunst in der Kunsthalle

Wieder einmal ist es Kuratorin Dr. Ute Riese gelungen ein ungewöhnliches und interessantes Kunst-Ensemble in der Kunsthalle zu versammeln.

Bei der Abschlusspräsentation der Uni-Kunstpädagogen am Ende des letzten Sommersemesters war sie beeindruckt von den Linolschnitten des Gastprofessors Philipp Hennevogl (geb. 1968) aus Berlin. Dieser lehrt dort seit 2012 die Kunst des Linolschneidens und Druckens. Schwarz und Weiß, Linien und Flächen – das ist die Essenz seiner filigranen Kunstwerke, die nach Fotovorlagen entstehen. Ein Teil seiner Werke war in Gießen bereits 2010 in einer Ausstellungkooperation von Neuem Kunstverein und Kanzlei Advotec zu sehen.

Zu Hennevogls großformatigen Linoldrucken wollte Riese die erstaunlichen Papierschnitte der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst lehrenden Annette Schröter (geb. 1956) präsentieren. Papierschnitte bis zu drei Meter hoch, mit zeitgenössischen Motiven und ungewöhnlichen Kombinationen. Schroeter sagte zu und machte die Kuratorin aufmerksam auf den Holzschneider Frank Lippold (geb. 1970), der bei Dresden lebt.

Auch für diese beiden ist die hiesige Region nicht terra inkognita. Annette Schröter hat bereits 1998 im Alten Schloss ausgestellt, damals noch mit ihrer großfigurigen, expressiven Malerei. 2010 beim Kunstverein Marburg zeigte sie bereits ihre großformatigen Papierschnitte (andere Motive als jetzt in Gießen) mit denen sie im Kunstbetrieb wohl einmalig dasteht. Und Frank Lippold war 2007 Stipendiat des Landes Rheinland-Pfalz, residierte im Künstlerhaus Schloss Balmoral in Bad Ems, hatte eine Ausstellung in Mainz, war ebenso in Frankfurt am Main vertreten.

Und nun sind alle Drei mit ihren unterschiedlichen Werken in einer Ausstellung vereint. Was ist das Gemeinsame? Lippold bringt es auf den Punkt: "Wie erobert man das Schwarz?" Der Weg dahin ist denkbar unterschiedlich: Annette Schröter hat zunächst die Porzellanmalerei in Meißen gelernt. Danach studierte sie Malerei an der Kunstakademie in Leipzig bei Bernhard Heisig. Mit ihren figurativen und psychologisierenden Gemälden wurde sie schnell zu einer gefragten Künstlerin. Sie lebte und lehrte zwölf Jahre in Hamburg, bevor sie 1997 nach Leipzig zurückkehrte und dort auf Schloss Giebichenstein bei Halle, dann an der HbfK Dresden lehrte, bevor sie 2006 Professorin für Malerei in Leipzig wurde.

Ein Kennzeichen ihrer aktuellen Arbeit sind Muster und Ornament, allerdings immer gebrochen. So mutet der "Held der Arbeit", gerahmt von Hammer und Sichel, verziert mit Spitzendeckchen und aufgebracht auf Textiltapete fast erheiternd an, transportiert aber immer noch etwas vom einstigen DDR-Pathos. Das Schwarz-Weiß des Papierschnitts bringt sie auch mit grellfarbigen Untergründen zusammen, wodurch vor allem im Großformat ("Meeresauge") eigentümlich künstliche Welten entstehen. Sie bringt das in der Kunstgeschichte abgewertete Kunsthandwerk und die hohe Kunst der gestischen Malerei in eine ungewöhnliche und pfiffige Verbindung.

Auch Frank Lippold ringt einem traditionsreichen Kunsthandwerk neue Dimensionen ab. Seine Holzschnitte sind zwar kleinteilig, aber auf großes Format gebracht und wirken auch aus der Distanz. Holzplatten werden mit schwarzer Farbe bemalt. An irgendeiner Stelle beginnt er – ohne Vorzeichnung – mit dem Schneidemesser in die Fläche zu gehen und arbeitet sich minutiös weiter. Dabei entstehen altmeisterlich wirkende Landschaften oder Architekturverschachtelungen mit der surrealen Kraft eines M. C.

Escher in heutiger Anverwandlung. Die Backsteingotik seiner Heimat ist zu erkennen, aber auch Plattenbauten und Industrieteile. Spannend ist immer wieder der Standort beim Betrachten: mal schaut man tief nach unten, dann wieder hoch nach oben. Wie groß müsste ein gezeichnetes Menschlein in dieser Häuserwelt wohl sein? An einer Stelle begegnen wir einigen, wie im Suchbild.

Philipp Hennevogl hat eine fast vergessene Kunst wieder salonfähig gemacht, den Linolschnitt. Von ihm sind klassische Drucke auf Papier zu sehen, die Druckplatten bleiben im Atelier. Seine großformatigen Linoldrucke sind sehr zeitaufwendig und teuer im Material, daher fertigt er sie hauptsächlich auf Nachfrage, on demand sozusagen. Die Fließeigenschaft der Druckfarbe, das spezielle handgeschöpfte Papier, das alles hat er jahrelang in seiner Zusammensetzung erprobt und ist dabei zu einem gesuchten Spezialisten geworden. Auch er wählt neben beruhigenden Naturansichten ungewöhnliche Motive, die vor allem in ihrer Nahsichtigkeit verblüffen: Kabelgewirr hinterm Computer, Böllerreste an Neujahr, Betonhaufen eines Häuserabrisses.

Es gibt viel zu entdecken in spannenden Miteinander dieser Ausstellung, die am Sonntagvormittag (2. Februar) um 11.30 Uhr von OB Dietlind Grabe-Bolz und Kuratorin Riese eröffnet wird. Drei Leporellos erläutern Biografie und Werk der drei Kunstschaffenden. Zu sehen bis 30. März. Dagmar Klein

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