Barber Angels

Ein Schnitt Würde: Barber Angels in Gießen

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Die Barber Angels schneiden Leuten die Haare, die sich einen Friseurbesuch nicht leisten können. Jetzt waren sie in Gießen.

Markus wohnt im Männerwohnheim im Falkweg. Er ist arbeitslos und obdachlos. Wenn er mal ein bisschen Geld hat, gibt er es für vieles aus, aber sicher nicht für einen Haarschnitt. "Ich war 17 Jahre lang nicht mehr beim Friseur." Bis jetzt. Denn während Markus spricht, fallen links und rechts die Haare zu Boden. Sie sind so schwarz wie die Kutte seines Friseurs.

Die Barber Angels sind Friseure, die bedürftigen Menschen kostenlos die Haare schneiden. Sie waren schon 250 Mal in Europa im Einsatz und haben 25 000 Menschen einen Haarschnitt verpasst. Gegründet hat den Verein Claus Niedermaier. Der Friseur aus Biberach hat in seiner Karriere bereits in London, Paris, Mailand und Los Angeles gearbeitet, bevor er 2016 beschloss, Menschen die Haare zu schneiden, die sich das eigentlich nicht leisten können. Am Sonntag waren die Barber Angels, die stets in schwarzen Rockermontur auftreten, erstmals in Gießen zu Gast.

Barber Angels: 100 Bedürftige in der Werkstattkirche

Pfarrer Christoph Geist blickt zufrieden durch die Werkstattkirche. Es herrscht ein großes Gedränge, die zehn Plätze zum Frisieren sind durchgehend belegt. "Wir haben die Barber Angels angeschrieben und dann etliche Bedürftige anderer Einrichtungen, wie zum Beispiel der Oase oder der Brücke, hierher eingeladen", sagt Einrichtungsleiter Geist. 100 Menschen hätten ihr Kommen angekündigt.

Einer der knapp 20 Friseure, die an diesem Nachmittag in der Werkstattkirche unterwegs sind, ist Carsten Richter. Warum der Inhaber von drei Friseursalons am Wochenende nicht die Füße hochlegt, sondern anderen Menschen kostenlos die Haare schneidet? "Friseure sind caritativer als man denkt", sagt er lächelnd und blickt zu seinen Kollegen. "Alle, die hier sind, haben ein großes Herz." Er selbst sei seit einem Jahr bei den Barber Angels. Aus einem einfacher Grund: "Wenn man fünf Euro spendet, weiß man nicht, ob und wie viel davon ankommt. Wenn ich einem Hilfsbedürftigen die Haare schneide, sehe ich es direkt." Richter betont, dass durch eine neue Frisur oft auch die Würde zurückkehre. "Wir wollen den Menschen ein neues Gesicht geben."

Barber Angels: "Wir wollen den Menschen ein neues Gesicht geben"

Das sieht auch Pfarrer Geist so. "Der Gang zum Friseur ist ein Extra, das sich viele nicht leisten können. Das führt irgendwann dazu, dass sie gar nicht mehr auf ihr Äußeres achten." So profan eine neue Friseur auch sei, könne sie doch viel bewirken. "Die Menschen haben dadurch ein besseres Selbstwertgefühl. Vielleicht führt es bei dem ein oder anderen dazu, sich zu bewerben."

Damit der Rest vom Erscheinungsbild auch passt, bekommen die Besucher an diesem Tag auch neue Kleidung. Wer möchte, kann sich von den Barber Angels auch ein Make-up auftragen lassen. Das alles geschieht im Beisein der Presse. Die Friseure wollen auf ihre Arbeit aufmerksam machen und andere Berufsgruppen animieren, es ihnen gleich zu tun. Es gibt aber auch einen abgetrennten Bereich, in dem sich die Gäste abseits des Trubels frisieren lassen können.

Und Markus? Seine schwarze Mähne ist nach wenigen Minuten einem modischen Kurzhaarschnitt gewichen. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis. Und er weiß auch schon, was er als nächstes macht: "Morgen gibt es neue Passfotos."

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