Die ägyptische Mumienkartonage (l.) ist 30 Jahre vor Christus entstanden. Das Cicero-Papyrus wahrscheinlich ein paar Jahre später. Gefunden wurde es 1920 in Ägypten. FOTO: CHH
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Die ägyptische Mumienkartonage (l.) ist 30 Jahre vor Christus entstanden. Das Cicero-Papyrus wahrscheinlich ein paar Jahre später. Gefunden wurde es 1920 in Ägypten. FOTO: CHH

Ein Schmierzettel mit vier Sklavennamen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Das Papier ist bedroht - zumindest in seiner Funktion als Schriftträger. Briefe, Bücher und Zeitungen werden immer häufiger auf Bildschirmen gelesen. Nicht auszuschließen, dass Papier der gleiche Niedergang droht wie seinem Vorgänger Papyrus. Aber auch wenn die Schriftkultur des Altertums schon lange nicht mehr genutzt wird, hat sie auch heute noch eine große Bedeutung. Schließlich sind auf den Papyrusfasern bedeutende Zeugnisse der Geschichte festgehalten. Und einige davon finden sich auch in der Bibliothek der Justus-Liebig-Universität.

Einer der größten Sammlungen

Dr. Olaf Schneider ist so etwas wie der Wächter der Gießener Papyrussammlungen. "Papyrus wächst als Staude in Fluss- und Feuchtgebieten, wie etwa am Nil. Zerschneidet man seine dünnen Halme in schmale Streifen, legt sie längs und quer zusammen, presst und trocknet sie, entsteht ein beschreibbares Blatt", erklärt der Leiter der Sondersammlungen in der UB. Über 2000 solcher Fragmente machen die JLU zur fünftgrößte Papyrussammlung in Deutschland. Am bekanntesten ist die "Constitutio", die vor drei Jahren zum UNESCO-Weltdokumentenerbe ernannt worden ist. Die Verordnung des Römischen Kaisers Caracalla ist aber nicht das einzige besondere Exemplar der Sammlung. Zum Beweis präsentiert Schneider ein 16 mal 19 Zentimeter großes Bruchstück, das um 1920 in Ägypten gefunden wurde. Es enthält den einzig bekannten Text auf einer Papyrusrolle, der vom römischen Anwalt, Politiker, Schriftsteller, Philosoph und Redner Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) stammt. "Der Text ist kurz nach seinem Tod in einer Manufaktur hergestellt worden. In solchen Buchwerkstätten wurden die Papyri massenweise abgeschrieben. Schließlich gab es damals noch keinen Druck", erklärt Schneider. Der Text handelt von der zweiten Rede Ciceros, die er im Jahr 70 v. Chr. im Rahmen des Prozesses gegen Verres verfasste, den korrupten Statthalter der Provinz Sizilien. Cicero hielt diese zweite Rede jedoch nicht mehr, da Verres schon zuvor ins Exil gegangen war. Schneider vermutet, dass sich die von Schreibern angefertigte Kopie daher nicht verkaufen ließ. "Daher hat jemand die Rolle zerschnitten, um sie anderweitig zu nutzen." Deutlich werde das durch einen Schnitt und den Reißspuren an den Kanten. Auf der Rückseite von Ciceros Rede, die übrigens vielen Gießenern durch den Lateinunterricht bekannt sein dürfte, hat später jemand vier Namen von Sklaven geschrieben. Schneider muss bei dem Gedanken grinsen: "Aus dem Stück Weltliteratur wurde somit ein Schmierblatt."

Der andere Papyrus, den Schneider an diesem Nachmittag präsentiert, hat ebenfalls eine bemerkenswerte Geschichte. Die ägyptische Mumienkartonage ist 30 Jahre vor Christus entstanden. "Bei dem farbenprächtigen Stück handelt es sich um einen religiösen Text, der um eine Mumie gewickelt war."

Die Zukunft wird zeigen, wie es mit den Schriftträgern weitergeht. Ob Papier genauso wie Papyrus zu einem Relikt längst vergangenen Zeiten wird - und Archäologen irgendwann Smartphones als Grabbeilagen finden.

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