Gar nicht gruselig: Jan Hoffmann sorgt mit Tom Jones’ "Sexbomb" für begeisterten Zwischenapplaus. FOTO: REGEL
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Gar nicht gruselig: Jan Hoffmann sorgt mit Tom Jones’ "Sexbomb" für begeisterten Zwischenapplaus. FOTO: REGEL

Schmachten mit Gänsehaut

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Glaubt man den Vorurteilen, dann sind beim Film Fortsetzungen oft nicht so gut wie das Original. Nicht so beim Auftritt der Schmachtigallen mit "Das Vermächtnis". Ihre musikalische Gruselkomödie ist im Stadttheater als Fortsetzung von "Der Verdacht" angelegt, und über weite Strecken ebenso unterhaltsam. Nur schaurige Gruselstimmung, die will sich nicht so recht einstellen.

Was machen vier singende Männer, wenn sie ein Schloss im schottischen Hochland geerbt haben? Sie schmieden Pläne, was man mit dem ollen Gemäuer wohl so alles anstellen könnte: ein Heim für alternde Musiker, ein Biohof mit Hühnerzucht, eine Musikschule für den talentierten Nachwuchs oder ein Etablissement im Stil von "Fifty Shades of Grey". Doch wenn die ebenfalls erbberechtigte Zwillingsschwester der verstorbenen Schlossbesitzerin (Marie-Louise Gutteck) die Pläne mit schwarzer Magie durchkreuzt, dann muss sich das Gesangsquartett schon einiges einfallen lassen, um den Fluch zu eliminieren und nicht auf immer und ewig im Schloss gefangen zu sein.

Das ist, ohne allzu viel zu verraten, der Inhalt des neuen Schmachtigallen-Abends im Stadttheater, den wieder einmal Regisseur Wolfgang Hofmann mit den Schmachtigallen Roland Furch, Severin Geissler, Jan Hoffmann und Martin Ludwig in Szene gesetzt hat. Und weil der Regisseur sich als Fan von Horrorfilmen outet und die vier Sänger ohnehin für jeden Spaß zu haben sind, solange er a cappella vorzutragen ist, ist "Das Vermächtnis" eine musikalische Gruselkomödie geworden. Die knüpft quasi nahtlos an den Erfolg von "Unter Verdacht" vor zwei Jahren an, das damals ganz im Stil von alten Edgar-Wallace-Filmen gehalten war. Das alte Schwarz-Weiß-Bühnenbild von Lukas Noll findet wieder Verwendung, aber diesmal sorgen die farbigen Kostüme von Thomas Döll und jede Menge alkoholische Getränke für bunte Hingucker. Und auch der blindstummtaube Klavierspieler Klaus (Andreas Sommer) darf nicht fehlen - von Simon Zimbardo am Schlagzeug und Stefan Schneider am Bass zwar nicht sichtbar, aber hörbar unterstützt.

Wohlige Schauer bei "Sexbomb"

Und wieder reiht sich Gesangsnummer an Gesangsnummer. Fast 20 gibt es davon im Laufe der 90 Minuten. Die Bandbreite der von Severin Geissler voller musikalischer Überraschungen arrangierten Nummern ist groß und der Unterhaltungsfaktor ebenso. Vom alten Volkslied "Dat du min leevsten büst" über eine Rumba im Schnelldurchlauf, ein Verdi-Medley, einen swingenden Gemüsesong, den frechen Basta-Hit "Ein kleines bisschen Hass" oder Robbie Williams’ "Let me entertain you" reicht die Palette zur Freude des Publikums, das jeden Song mit Zwischenapplaus garniert. Und als dann Jan Hoffmann mit "Sexbomb" den schmachtenden Tom Jones gibt, da werden auch schon mal verbotenerweise Handys im Saal gezückt, um das Spektakel zu filmen.

Es dauert ein bisschen, bis das Stück Fahrt aufnimmt, denn schließlich muss für die wenigen, die den Vorgänger "Unter Verdacht" nicht gesehen haben, die Vorgeschichte um verschmähte Liebe und einen durchgeknallten Fan noch einmal kurz im Gespräch rekapituliert werden. Doch weil da auch schon mal Sätze gesagt werden, die beim letzten Mal jemand anderes gesagt hat, und alles in die muntere Plauderei und Singerei der Schmachtigallen eingebettet ist, ist das nicht weiter schlimm. Auch die coronabedingt einzuhaltenden Abstände - schließlich gibt es, so Roland Furch ironisch, derzeit kaum "Gefährlicheres als Singen" - tun der Spielfreude keinen Abbruch und das Publikum amüsiert sich prächtig.

Nur echte Gruselstimmung, die will sich nicht so recht einstellen. Auch wenn bei einer Séance aus dem stummen Klavierspieler plötzlich Stimmen aus dem Jenseits erklingen, die Schmachtigallen zu Marionetten mutieren oder Bilder mit Getöse von der Wand fallen. Echte Schockmomente gibt es eben doch wohl nur im Film.

"Das Vermächtnis" ist denn auch weniger Horrorfilm als launige Komödie. Aber das dürfte letztendlich durchaus im Sinn der Schmachtigallen-Fans sein, die die kleinen Neckereien der vier Freunde und ihren gepflegten A-cappella-Gesang genießen wollen. Und so ein bisschen Gänsehaut kann sich da ja auch ohne Grusel einstellen. Spätestens als die Schmachtigallen am Ende der Vorstellung als Zugabe ihre "Gießen Hymne" anstimmen, haben die wohl die meisten im Saal ohnehin.

Wer die Schmachtigallen vom hohen Tenor bis zum tiefen Bass mit "Das Vermächtnis" erleben will, hat dazu noch Gelegenheit am 30. Oktober, 20. November und 13. Dezember. Weitere Termine sind schon in Planung.

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