Ein »Schloss« mit wechselvoller Geschichte

Im letzten Teil der Serie über historische Gebäude in Gießen erkundet Studentin Monika Baczynski das Wingolfhaus. Im alten Gemäuer in der Wilhelmstraße befindet sich nicht etwa eine Anwaltskanzlei, sondern eine Studentenverbindung. Seit deren Gründung hat das Haus eine ganz eigene Geschichte erlebt.

Versteckt hinter einem großen massiven Tor und 100 Jahre alten Bäumen liegt das Wingolfhaus. Jedem, der schon einmal durch die Wilhelmstraße gegangen ist, ist dieses große Gebäude ins Auge gefallen, das einem Schloss ähnelt. Man fragt sich unwillkürlich, was sich wohl darin befindet. Vielleicht eine noble Anwaltskanzlei? – Doch jetzt erfuhr Studentin Monika Baczynski die wahre Geschichte des Hauses. Im letzten Teil der Serie über Häuser in Gießen geht es um das prächtige Anwesen in der Wilhelmstraße.

Der »Gießener Wingolf« ist eine christliche Studentenverbindung. Sie wurde 1852 gegründet und ist die älteste nicht-schlagende Korporation in Gießen. »Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit, ist es wichtig, dass man auch auf seine Mitmenschen acht gibt«, erzählt Medizinstudent Konrad Tolksdorf. »Das Ausleben seines christlichen Glaubens ist jedem Mitglied weitestgehend freigestellt. Die meisten gehen nicht jeden Sonntag in die Kirche.

Meist sind um die vier Termine im Semester festgelegt, an denen wir dann alle gemeinsam den Gottesdienst besuchen. Dafür halten wir vor allen größeren Veranstaltungen Andachten ab, die jeweils ein Mitglied gestaltet.«

Nach der Reichsgründung 1871 hatten viele deutsche Korporationen die Möglichkeit, ihre eigenen Verbindungshäuser zu erbauen. Dies machte sich auch der Gießener Wingolf zunutze und begann ab 1891 Gelder für das Vorhaben zu sammeln. Anlässlich des 40. Stiftungsfestes wurde 1892 der Bau beschlossen. Es wurde ein Bauplatz erworben und eine Planung durch die Architekten Stein & Meyer in Auftrag gegeben. Das 3430 Quadratmeter große Grundstück wurde für 12 000 Mark erworben. Die Baukosten betrugen um die 35 000 Reichsmark. Im Sommer 1893 begannen die Arbeiten. Schon ein Jahr später konnten die Verbindungsmitglieder das Haus beziehen.

Zu jener Zeit war das Wingolfhaus das dritte Verbindungshaus in Gießen. Es bot den Studenten allerlei Beschäftigungsmöglichkeiten, unter anderem eine Kegelbahn. Sie zog sich parallel zur Rückseite des Hauses. Leider musste die Nutzung der Kegelbahn schon nach einigen Jahren aufgegeben werden. Grund: Feuchtigkeitsprobleme und Holzschwamm.

Sahnehäubchen des unter Denkmalschutz stehenden Anwesens ist wohl das Turmzimmer, das »Schmuckkästchen« genannt wird. Auch weitere Räume wie der Kneipsaal, der Arbeitsraum des Archivs oder die in der Wohnetage liegenden Ankleidezimmer oder Lesezimmer gaben den Studenten die Möglichkeit, relativ komfortabel zu wohnen.

Doch das Haus durchlebte auch eine schwierige Phase und war zeitweise gar nicht mehr Hauptsitz der Verbindung. Die Auflösung des Wingolf 1935 war Ergebnis der Ablehnung der Zwangseingliederung in den NS-Studentenbund und besonders des Kirchenkampfs zwischen sogenannten »Deutschen Christen« und Bekennender Kirche, der die Verbindung schließlich zerstörte. Eine große Zahl Gießener Wingolfiten nahm ab 1934 am illegalen Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Frankfurt teil. Im Zuge der Unterdrückung wurde aufgrund der christlichen Orientierung des Wingolf die Gestapo aktiv und verfolgte etliche Mitglieder.

In Gießen sind besonders jene bekanntgeworden, die unter der NS-Diktatur ermordet wurden, darunter Pfarrer Paul Schneider, der »Prediger von Buchenwald«, sowie Pfarrer Ernst Steiner (Hausen) und der Orientalist Dr. Alfred Kaufmann.

Als Gießen am 28. März 1945 von der 7. Panzerdivision der USA-Armee eingenommen wurde, befanden sich in der Wilhelmstraße 40 ein Standesamt und eine Frauenarbeitsschule. 1947 richteten die Amerikaner hier das Gießener Jugendheim der Organisation GYA (German Youth Activity) ein. Dies war dringend notwendig, da viele Flüchtlinge aus dem Osten ankamen.

In der Zwischenzeit begannen Mitglieder des ehemaligen Wingolfbundes eine Reaktivierung vorzubereiten. Dies war nicht einfach, da viele Korporationen mit der Nazi-Bewegung sympathisiert hatten und von der amerikanischen Militärregierung ausgesprochen kritisch gesehen wurden. Schließlich gelang die Wiedergründung am 4. Dezember 1948 mit Hilfe von Hugo Leonhard und Adolf Kalbhenn. Natürlich hofften die Wingolfiten, nun schnell in ihr Haus zurückkehren zu können, doch die Amerikaner beschlagnahmten es. Erst 1957 erlangte es die Verbindung zurück.

Viel Geld und Zeit wurde aufgewendet, um das Gebäude wieder auf Vordermann zu bringen. Dies gelang durch Spenden und Eigenleistungen, die bis heute den Betrieb des Hauses ermöglichen. Derzeit leben hier rund ein Dutzend Studierende.

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