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»Schlageterteich« wurde vor 75 Jahren angelegt

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Vor 75 Jahren wurde das Gelände in den Eichgärten erschlossen und eine große Erholungsanlage mit Promenade und Teich geschaffen, deren Bauplanung vom Stadtparlament, ideologisch gesehen, ganz auf das Gedenken an den von den Nationalsozialisten zum »NS-Märtyrer« und stilisierten Albert Leo Schlageter ausgerichtet war.

In der Weimarer Republik galt Schlageter zwischen 1923 und 1933 allgemein als »Märtyrer im Ruhrkampf«, was auch in Gießener Schulen gelehrt und bei den Feiern zum »Volkstrauertag«, der seit 1919 jeweils am fünften Sonntag vor Ostern (Reminiscere) stattfand, ausdrücklich gewürdigt wurde. Schlageter hatte als Kriegsfreiwilliger und Offizier am Ersten Weltkrieg (1914-1918) teilgenommen und beteiligte sich 1923 im geheimen Auftrag der Reichswehr als Anführer eines Sabotagetrupps (Freicorps) an Gleissprengungen und anderen gegen die französische Armee gerichteten Aktionen, die 1923 das Ruhrgebiet wegen ausbleibender Reparationszahlungen besetzt hatte. Er wurde von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf hingerichtet. Da Schlageter kurz davor der NSDAP beigetreten war, wurde er nach der NS-Machtergreifung 1933 von den Nationalsozialisten als »Kultfigur« der NS-Ideologie vereinnahmt, was sich wiederum im Unterricht Gießener Schulen und bei Feiern zum »Heldengedenktag« niederschlug, der am 27. Februar 1934 von den Nazis anstelle des »Volkstrauertags« mit neuem Sinngehalt eingeführt wurde.

Die im Ersten Weltkrieg Gefallenen und die »NS-Märtyrer« Horst Wessel und Albert Leo Schlageter wurden zu Schöpfern der Grundlage des »Dritten Reichs« erklärt.

Bereits am 10. Mai 1933 hatte der Bauausschuss des Gießener Stadtparlamentes auf Antrag der Ortsgruppe Gießen des »Jungdeutschen Ordens« den bis dahin »Wiesenstraße« genannten Weg, der von der Moltkestraße bis zum Häuschen des Eisvereins an der Eisbahn führte, in »Schlageterstraße« umbenannt. Das Straßenschild trug die Inschrift: »Albert Leo Schlageter, geb. 12.5.1894, Kämpfer für die deutsche Freiheit, im Ruhrgebiet am 26.5.1923 von Franzosen erschossen«.

Im April 1935 wurde mit den umfangreichen Vorarbeiten für die Erschließung des Geländes in den Eichgärten begonnen und eine große Erholungsanlage geschaffen.

Außerdem wurde durch den Ausbau der »Schlageterstraße« Bauland für ein Villenviertel erschlossen und eine große Grünanlage unmittelbar in den Eichgärten und den Wiesen an der Wieseck geschaffen mit einer Fußgängerpromenade, der »Schlageterallee«, und einem zwischen der Promenade und dem Lauf der Wieseck angelegtem Teich, dem »Schlageterteich«. Der Teich erhielt die stattliche Länge von 450 Metern und war an seiner breitesten Stelle 95 Meter und an seiner schmalsten 53,5 Meter breit. Damit ergab sich eine Wasserfläche von etwa zehn Morgen Größe. Der Wasserstand des Teiches betrug etwa 1,15 bis 1,20 Meter. Die Wasserzufuhr und der Ablauf erfolgte durch die Wieseck.

Auf dem Gelände zwischen der »Schlageterstraße« und der Pestalozzischule beziehungsweise der Kaiserallee entwickelte sich nach den Plänen des Städtischen Hoch- und Tiefbauamtes die »Gartenstadt Eichgärten«, die über »Monatsblätter für die Universitäts- und Gartenstadt Gießen an der Lahn«, hrsg. vom Städtischen Verkehrsamt Gießen, Bergstraße 20, propagandistisch im Sinne der Nazi-Ideologie zwischen 1935 und 1945 vermarktet wurde.

1945 wurde die »Schlageterstraße« wieder in »Wiesenstraße« umbenannt, aus der »Schlageterallee« wurde die »Eichgärtenallee« und aus dem »Schlageterteich« der »Schwanenteich«. Dr. Mutgard Kuschke

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