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Fighten und Familie: Zwei Wörter, die im Uppercut-Boxstudio von Eugen Mamberger (l.) viel bedeuten. Auch für Artur Mamberger (r.) und Daniel Horig.

Boxen in Gießen

Ein Schlag für die russische Seele

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Boxen ist für viele Russen genauso wichtig wie Vodka. Eugen Mamberger betreibt im Schiffenberger Tal das Uppercut-Boxstudio. 80 Prozent der Schüler kommen aus der ehemaligen UdSSR. Zufall?

Ein Trommelfeuer an Faustschlägen prasselt auf den Boxsack ein. Der Schweiß läuft dem Boxer über das Gesicht, von der schiefen Nase tropft er auf den Boden. Am Ende der kleinen Einheit hat sich vor dem jungen Mann eine stattliche Pfütze gebildet. "Gut gemacht", sagt sein Trainingspartner und klopft dem ermatteten Kollegen anerkennend auf die Schulter. "Weiter so." Eugen Mamberger schaut sich die Szene vom Tresen aus an. Ihm gefällt, was er sieht. Nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus zwischenmenschlicher Sicht. "Wir sind hier eine Gemeinschaft, wie eine Familie. Und wir gehen die Sache mit Leidenschaft an", sagt der 42-jährige Trainer. Mamberger und die beiden Boxer stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Genauso wie die meisten anderen Jungs und Männer, die an diesem Abend im Boxstudio "Uppercut" im Schiffenberger Tal trainieren.

Die russische Seele muss oft herhalten, wenn über Menschen aus der ehemaligen UdSSR gesprochen wird. Die Definitionen sind vielfältig, Begriffe wie Leidenschaft und Gemeinschaftssinn fallen aber immer wieder. Auch die Fähigkeit, Leid zu ertragen, gilt als etwas typisch russisches, auch wenn solche Aussagen bei einer Gruppe von vielen Millionen Menschen selbstverständlich Stereotypen sind. Trotzdem scheint die russische Seele eine gute Voraussetzung für das Boxen zu sein. Schließlich sind aus dem einstigen Ostblock jede Menge Champions hervorgegangen. Nikolai Walujew zum Beispiel, mit einer Größe von 2,13 Metern und einem Kampfgewicht von 150 Kilogramm der größte und schwerste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten. Alexander Powetkin, Ruslan Chagayev und Artur Abraham stammen ebenfalls aus der ehemaligen Sowjetunion. Natürlich auch die Klitschkos. Zwar geben im Schwergewicht mittlerweile andere Nationen den Ton an. Ein Blick in die Ranglisten der unteren Gewichtsklassen zeigt jedoch, welcher Stellenwert der Boxsport im Osten noch immer hat. Im Halbschwergewicht sind es drei Russen und ein Ukrainer, die die Titel der vier großen Verbände unter sich aufteilen. Im Cruisergewicht gibt es derzeit drei Weltmeister, zwei stammen aus der Ukraine - und einer aus Kasachstan.

Es liegt im Blut

Kasachstan: Das große Land zwischen Kaspischen Meer und Altai-Gebirge ist auch die Heimat von Eugen Mamberger. Seine Vorfahren kamen vor über 200 Jahren aus Deutschland hier her. Sie waren dem Werben der russischen Herrscher gefolgt, um das unbesiedelte Land bewohnbar zu machen. Klassische Russlanddeutsche also. "Ich habe in Kasachstan zunächst mit Kickboxen angefangen", erzählt Mamberger. Warum? Dafür gebe es mehrere Gründe, sagt der 42-Jährige. "In Kasachstan wird man als Kind nicht so in Schutz genommen. Es geht deutlich rauer zu. Und ich wollte mich verteidigen können." Mamberger sagt aber auch, dass bei der Begeisterung für Kampfsport die russische Mentalität eine große Rolle spiele. "In Russland werden die Kinder anders großgezogen. Disziplin und Sport sind den Eltern viel wichtiger. Das liegt ihnen im Blut." Und es wird ihnen von ganz oben vorgelebt.

Sport hat eine große Bedeutung in der Außendarstellung des Landes. Während des Kalten Krieges beispielsweise wurde der politische Konflikt oft in den Sportstätten ausgetragen. Der russische Präsident Wladimir Putin zeigt sich noch heute gerne im Judo-Anzug samt schwarzen Gürtel, in seiner Jugend gewann das Staatsoberhaupt sogar die Leningrader Stadtmeisterschaften.

Auch Dr. Andreas Walz ist in Russland aufgewachsen. Als Mitglied der "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland" vertritt er heute die Interessen der Russlanddeutschen im Westen. Mit Boxen hat der Gießener zwar wenig am Hut, er hat sich aber intensiv mit dem Männerbild in der einstigen Sowjetunion beschäftigt. Sein Fazit: "Ein Mann, der sich und seine Familie nicht verteidigen kann, ist in Russland nichts wert." Diese Einstellung werde schon in der frühen Jugend gefördert. Walz erinnert sich, dass bereits im Kindergarten regelmäßig Wettkämpfe veranstaltet wurden. "Es ging darum, wer der Schnellste ist, wer der Stärkste und wer am besten klettern kann. Das war zwar spielerisch angelegt, aber schon so, dass man sich gegenseitig verglichen hat." Fäuste seien auch geflogen, allerdings eher außerhalb des Blickfelds der Erzieherinnen. "Wenn man angerempelt wurde, musste man zurückschlagen. Sonst hat man noch mehr abbekommen. Wer sich nicht verteidigen konnte, galt als Schwächling."

Die Familie verteidigen können

Wie Mamberger betont auch Walz, dass der Alltag in den ehemaligen Sowjetstaten rauer sei. "Das war schon vor Hunderten von Jahren so." Der Gießener begründet das auch mit der Historie des Landes. Es habe ständig Kriege und Auseinandersetzungen gegeben, zudem erhebliche kulturelle und ethnische Unterschiede. "Die Sowjetunion war ein Schmelztiegel. So etwas sorgt immer für Reibereien." Das alles zusammen habe zur Popularität des Boxsports beigetragen, glaubt Walz. "Wer boxt, kann sich, seine Frau und seine Kinder verteidigen. Und das ist dort das Wichtigste." Vielleicht lautet deshalb auch ein bekanntes russisches Sprichwort: "Das Gute muss Fäuste haben."

Der Boxsport ist jedoch nicht mit einer wilden Schlägerei auf einem Moskauer Hinterhof zu vergleichen. Respekt und Ehre spielen nicht nur in Russland, sondern auch im Ring eine große Rolle. Im besten Fall kann der Sport den Drang nach Auseinandersetzung in geordnete Bahnen lenken. So wie es bei Artur Mamberger der Fall war.

Boxring als Rettungsanker

Der 21-Jährige Neffe des Trainers ist der erfolgreichste Boxer im Uppercut-Stall. Er hat mehrfach die deutschen Meisterschaften gewonnen, er ist zudem Vize-Europameister. Schon als Jugendlicher hat ihn der Onkel zum Training geschleift, - gegen seinen, aber auch gegen den Willen seiner Mutter. Doch der Onkel hatte seine Gründe. "Ich hab’ damals viel Scheiße gebaut. Eugen und das Boxen haben mich von der Straße weggebracht", betont Artur Mamberger. Sein Onkel zuckt mit den Schultern: "Ich konnte doch nicht zulassen, dass er auf der Straße Arschtritte bekommt." Es dauerte nur wenige Monate, bis der Jugendliche den ersten Titel holte. Und wenn die Polizei fortan bei ihm klingelte, weil seine Freunde wieder etwas angestellt hatten, hatte der Boxer das perfekte Alibi. Er stand im Ring. "Das hat mich nicht nur einmal gerettet."

Während die beiden Mambergers von früher erzählen, gesellt sich Daniel Horig an die Theke. Auch er ist Hessenmeister, auch er stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Seine Eltern kamen aus Usbekistan nach Gießen, seine Großeltern sind Wolgadeutsche. Mit seinen russischen Wurzeln ließe sich seine Leidenschaft für den Kampfsport aber nicht erklären, betont der 20-Jährige. "Ich habe mit zwölf Jahren mit Kickboxen angefangen. Meine Mutter war dagegen, mein Vater hat es toleriert. Er hat gesagt: Du bist derjenige, der die Schläge bekommt." Er habe sich damals mit einem Freund dazu entschlossen, zum Training zu gehen, sagt Horbig. Die Gründe haben jedoch wenig mit seinen usbekischen Wurzeln, dafür viel mit seiner Pubertät zu tun. "Zum einen fand ich, dass es cool aussieht. Zum anderen wollte ich zeigen, dass noch eine andere Seite in mir steckt." Horig lächelt, dann fügt er an: "Ich bin sonst eher der Gute-Schüler-Typ mit Brille und so."

So martialisch der Boxsport auch sein mag: Im Uppercut geht es an diesem Abend sehr respektvoll und familiär zu. Violetta-Victoria, die dreijährige Tochter von Eugen Mamberger und seiner Frau Ina, die offizielle Inhaberin des Studios, flitzt durch die Boxsäcke hindurch und wird von allen Kämpfern geherzt. Die kleinen Jungs, die gerade ihr Training beendet haben, schütteln den Erwachsenen ehrfurchtsvoll die Hände. Sie schauen ihren Gegenübern dabei tief in die Augen. Man merkt ihnen ihren Stolz an, und auch die Älteren nehmen sich die Zeit, die Geste respektvoll zu erwidern.

Die beiden Mambergers und Horig betonen, wie wichtig dieser Zusammenhalt hier ist. Man helfe sich durch schwere Phasen und frage nach, ob zu Hause alles in Ordnung sei. "Wir sorgen füreinander und lassen niemanden hängen", sagt Eugen Mamberger und erhält von seinen beiden Schülern ein zustimmendes Nicken.

Ob das typisch russisch ist? Die drei Männer verdrehen die Augen. Sie haben diese Frage heute viel zu oft gehört. Dann lächeln sie. Eugen Mamberger sagt: "Ich weiß nicht, ob das typisch russisch ist. Aber es ist typisch für uns hier im Uppercut-Studio."

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