Vor einem Modegeschäft liegen junge Menschen, um auf die Situation Obdachloser aufmerksam zu machen.
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Vor einem Modegeschäft liegen junge Menschen, um auf die Situation Obdachloser aufmerksam zu machen.

Obdachlose

Mit Schlafsäcken im Shoppingtrubel in der Gießener Innenstadt

  • vonChristian Schneebeck
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Eine Initiative hat bei mehreren Mahnwachen in der Gießener Innenstadt auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam gemacht.

  • Mitten im Einkaufstrubel: Menschen liegen in der Gießener Fußgängerzone auf dem Boden und frieren.
  • Die Initiative »Winter ohne Wohnung« fordert Solidarität mit Obdachlosen in der Stadt
  • Wie überstehen Menschen ohne festen Wohnsitz im Lockdown-Winter?

Gießen - Während nebenan die Weihnachtseinkäufer ins Modehaus huschen, liegen zehn junge Menschen mit Isomatten und Schlafsäcken auf dem Pflaster und frieren. Viel größer als am Samstagmittag in der Fußgängerzone könnte der Kontrast kaum sein. Genau so ist die Aktion gedacht: Aufmerksamkeit erregen, sensibilisieren, ins Gespräch kommen. Das möchte die Initiative »Winter ohne Wohnung«, die Solidarität für Menschen ohne festen Wohnsitz und die »Gießener Straßenszene« fordert, bei vier Mahnwachen am Berliner Platz, in der Johannette-Lein-Gasse, am Modepark Röther und auf dem Kirchenplatz.

Gibt es in Gießen überhaupt Engpässe bei der Obdachlosenhilfe? Auf jeden Fall existiere »eine Diskrepanz in der Wahrnehmung«, meint Mitinitiator Matthias Heidrich. Die jüngsten Presseberichte, nach denen die Trägerverbände und die Stadt - trotz coronabedingter Einschränkungen - keine Notlage sehen, hat er skeptisch gelesen. Persönlich erhalte er unterschiedliche Rückmeldungen, wenn er mit Organisationen und Behörden oder Betroffenen spreche. So reichten Schlafplätze allein nicht aus. Wichtig seien auch »menschenwürdige Lebensbedingungen« - mit genügend Toiletten, Duschen und Waschgelegenheiten sowie Aufenthalts- und Rückzugsorten.

Gießen: Hilfe für Obdachlose stößt an Grenzen

Um ihre Positionen sichtbar zu machen, hätten zehn Privatpersonen »relativ spontan« die Initiative ins Leben gerufen, erzählt Heidrich. Larissa Mehrwald spricht von einem »politisch interessierten Freundeskreis«, der Diskussionen anstoßen wolle, statt Schuldzuweisungen zu verteilen. Schließlich träfen mögliche Kapazitätsprobleme in Aufenthalts- und Übernachtungseinrichtungen, bedingt durch Abstandsregeln und andere Corona-Maßnahmen, »diejenigen, die ohnehin sozial am schwächsten sind«. Besonders marginalisiert sieht sie obdachlose Frauen. Diese kämen in vielen Debatten nicht vor.

Die drei Freundinnen Celina, Paula und Lara, die direkt vor dem Eingang zum Modegeschäft vor sich hin frösteln, stimmen Mehrwald zu. Lara betont, durch ein Freiwilliges Soziales Jahr im Rettungsdienst wisse sie, wie die Situation auf der Straße momentan aussehe. »Wo sollen wir hin? Der Winter ist hart«, prangt auf dem Plakat des Trios. Als sich die rund 50 Teilnehmer später zum Abschluss auf dem Kirchenplatz sammeln, haben sie drastischere Slogans parat. »Gießen lässt Menschen erfrieren«, heißt einer davon.

Gießen: Geschätzt 200 Menschen leben auf der Straße

Heidrich, Mehrwald und die Kollegen aus dem Kernteam schlagen bewusst moderatere Töne an. Sicher wünschten sich einige der geschätzt 200 Menschen, die in Gießen auf der Straße leben, gar keine intensivere Hilfe, meint der IT-Experte im Gespräch mit einem Passanten. Dennoch müsse das Angebot für alle Bedürftigen ausreichen. Hinzu kommt die Sorge, dass Obdachlose wegen der Ausgangssperre »kriminalisiert« werden könnten. Hier wie an vielen Punkten wären transparentere Informationen von politischer Seite hilfreich, findet Mehrwald. »Widersprüchliche öffentliche Äußerungen« heizten indes eher das Misstrauen an.

Weitere Aktionen haben die Initiatoren bisher nicht geplant. Ausschließen möchten sie allerdings auch nichts. Der Winter wird noch lang.

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