Die neue Ausschilderung des Hochwasserdamms sorgt in Allendorf zwar für Unmut und Gespött, aber trotz des amtlichen Verbots bleibt es dabei: Spazierengehen und Joggen erlaubt, Radfahren wird geduldet, aber nicht erleichtert. 
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Die neue Ausschilderung des Hochwasserdamms sorgt in Allendorf zwar für Unmut und Gespött, aber trotz des amtlichen Verbots bleibt es dabei: Spazierengehen und Joggen erlaubt, Radfahren wird geduldet, aber nicht erleichtert. 

Nur für "Befugte"

Schildbürgerstreich in Gießen-Allendorf?

  • Guido Tamme
    vonGuido Tamme
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Was soll man von einem Verbot halten, dessen Einhaltung nicht ernsthaft erwartet werden kann? Um so einen "Schildbürgerstreich" geht es im Gießener Stadtteil Allendorf.

600 Meter lang ist der Hochwasserdamm zwischen der Hüttenbergstraße und dem Rande der Kleebachaue, der 2001 fertiggestellt wurde. Seitdem schützt das bis zu drei Meter hohe Bauwerk die tiefste Stelle Allendorfs um die Untergasse nach Starkregen wirksam vor Überschwemmungen durch den Kleebach.

Von Beginn an wurde der Damm vor allem von Einheimischen dankbar als Spazierweg angenommen. Ein 300 Meter langes Teilstück ist seit 2012 sogar Bestandteil des offiziellen Rundwanderwegs Allendorf. Doch damit ist jetzt Schluss. Denn an beiden Enden des Damms sowie an drei der vier Zugänge hat der Wasserverband Kleebach vor kurzem neue Verbotsschilder aufgestellt. "Betriebsweg - Benutzung durch Unbefugte untersagt!", heißt es darauf unmissverständlich.

Die amtliche Sperrung, über die in Allendorf viel gespottet wird, hat ihre Ursache darin, dass das Radfahren auf dem Damm zwar seit jeher verboten ist, aber von ortskundigen Radlern gern praktiziert wird.

Weil das Radfahren so beliebt ist, hat sich der hiesige Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) gegenüber der städtischen Straßenverkehrsbehörde vor etwa zwei Jahren dafür eingesetzt, das Radfahren offiziell zu gestatten und die drei störenden Umlaufsperren zu entfernen. Die Stadt Gießen hat deshalb den Wasserverband Kleebach, der den Damm errichtet hatte, um die Klärung gebeten, ob es sich um einen öffentlichen Verkehrsraum oder ein privates Betriebsbauwerk handelt.

Schildbürgerstreich in Gießen-Allendorf? Alternative wäre, das Gelände einzuzäunen 

Die Antwort nach langer Verfahrensdauer ist die nun installierte Beschilderung. Schon mit dem Planfeststellungsbeschluss vor dem Bau sei geklärt worden, dass öffentlicher Verkehr grundsätzlich nicht zugelassen sei, heißt es dazu vom Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke, der für den Kleebachverband handelt. Dies werde verdeutlicht durch die neue Beschilderung, bei der es sich um einen "minimalinvasiven Eingriff" handele, der den Hausherrn vor etwaigen Haftpflichtansprüchen nach Schadensfällen schütze.

Die Alternative wäre gewesen, das gesamte Gelände einzuzäunen, was wegen der Kosten von etwa 200 000 Euro und wegen des Naturschutzes nicht sinnvoll sei.

Die Auskunft aus dem ZMW macht aber auch deutlich, dass Spaziergänger weiterhin willkommen sind. Sorgsame Spazierende hätten sich bisher quasi als ehrenamtliche Helfer mit Hinweisen auf Schäden und Fehlverhalten erwiesen, betont ZMW-Geschäftsführer Karl-Heinz Schäfer. Weil dies dem Schutz der Anlage gedient habe, seien sie bisher als "Befugte" betrachtet worden. Dies gelte auch weiterhin. Nicht als Befugte gelten können - da sind sich ZMW, Regierungspräsidium und Wirtschaftsministerium einig - hingegen Radfahrer, weil diese Verkehrsart zu Schäden am Damm führen könne.

Schildbürgerstreich in Gießen-Allendorf? An der Praxis scheint sich nichts zu ändern 

An der Praxis wird das allerdings wohl nichts ändern, wie die GAZ bei einem Besuch vor Ort feststellte. Zwei Eheleute aus Leihgestern beispielsweise, die den Damm gern in ihre Radelrunden einbeziehen, haben die neuen Schilder zwar gesehen, aber als "ganz widersinnig" eingestuft und deshalb ignoriert. "Was soll denn das?", ärgert sich eine Aubach-Anwohnerin, die dort gern unterwegs ist und das neue Verbot noch gar nicht registriert hatte. Ein radelndes Ehepaar aus Dorlar hat das Schild "Betriebsweg" zwar gesehen, sich aber nichts weiter dabei gedacht. "Das ist ein echter Schildbürgerstreich", spottet ein Anwohner aus der unteren Kleinlindener Straße.

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Nach der Aussperrung von Unbefugten hatten sich Einheimische irritiert und empört an Ortsvorsteher Thomas Euler gewandt. Das Verbot sei "überformuliert", antwortete der beruhigend. Er habe sich für den Status Quo ausgesprochen, also die Nutzung durch Fußgänger und die Duldung von Radfahren. So wird es wohl auch kommen.

Umlaufsperren sind - ähnlich wie Schranken oder Drängelgitter - ein beliebtes Mittel zur Beeinflussung des Verkehrsverhaltens auf Straßen und Straßenteilen, die nicht dem motorisierten Verkehr dienen. Solche Hindernisse sind aber nur zulässig, wenn sie von der Straßenverkehrsbehörde angeordnet werden. Auf dem Allendorfer Hochwasserdamm ist dies nicht der Fall. Ihre Aufstellung durch den Wasserverband ist also nicht rechtens. Außerdem schaden die Sperren dem Bauwerk: Wenn Radler den Hindernissen mit einem Schlenker ausweichen, beschädigen sie die Grasnarbe des Damms.

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