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Neben Mineralöl und Stahl wird am Gießener Güterbahnhof vor allem Holz umgeschlagen. FOTO: SCHEPP

Gut für die Schiene

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Der Gießener Bahnhof ist ein zentraler Knotenpunkt der Personenbeförderung. Dabei werden hier nicht nur Menschen von A nach B gebracht. Der Güterbahnhof mag aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden sein, er hat aber noch immer eine Bedeutung - besonders in Zeiten des Klimawandels.

Leo Glaubetz stapft durch den Morast. Entlang der Gleise am Güterbahnhof sind die Pflastersteine unter einer Mischung aus Erde, Wasser und Holzresten versunken. "Das stammt vom Verladen der Holzstämme", sagt Glaubetz, der bei DB Cargo arbeitet, dem Schienengüterverkehr der Deutschen Bahn. "Momentan wird hier aber ein bisschen weniger Holz verladen als sonst. Das liegt daran, dass vergangenes Jahr so viele Bäume wegen der Trockenheit abgeholzt werden mussten." Doch auch wenn der Güterbahnhof an diesem Morgen verlassen wirkt, bedeutet das nicht, dass hier nicht regelmäßig gearbeitet wird.

Kraftstoff fürs Europaviertel

Heute wird der Begriff "Güterbahnhof" meist mit dem Vorwort "ehemaliger" versehen. Das Areal hinter den Gleisen gilt eher als Standortbezeichnung für Bauprojekte. Das liegt daran, dass immer weniger Güter aus der Region per Schiene transportiert wurden und die Bahn daher vor rund 13 Jahren einen Großteil des einstigen Güterbahnhofs aufgegeben hat. Viele Gebäude sind abgerissen worden und machten so Platz für Jobcenter, Parkhaus und Wohneinheiten. Geblieben ist eine Ladestraße. Und dort werden weiterhin Güter umgeschlagen.

Der Güterbahnhof Gießen ist heute offiziell an die DB-Cargo-Einsatzstelle Wetzlar angeschlossen. "Das hier tätige Rangierpersonal ist auch in Wetzlar stationiert", sagt Glaubetz. Dazu gehören zehn Lokrangierführer, fünf Kolonnenführer, zwei Rangierbegleiter, zwei Wagenmeister sowie einen Mitarbeiter in der Auftragsabwicklung.

Gießen werde dabei als eine Art Drehscheibe genutzt, von der aus verschiedene Anschlüsse in den umliegenden Industriegebieten angefahren würden. So fahre zum Beispiel dreimal wöchentlich ein Zug mit rund 1500 Tonnen Kraftstoff ins Europaviertel. Am Erdkauter Weg wird zudem Ton verladen, der für die Fliesenproduktion nach Italien gebracht wird. Stahl und eben Holz werden ebenfalls nach Gießen bzw. von dort weg transportiert. Also in erster Linie Werkstoffe und Industriegüter. Die Zeiten, als am Gießener Bahnhof Bananen angenommen wurden und ein heimischer Seefischhändler seine Ware erhielt, sind schon lange vorbei.

Ein Zug ersetzt rund 50 bis 80 Lastwagen

Der Stellenwert des Güterbahnhofs ist in den vergangenen Jahrzehnten also gesunken. Womöglich könnte ihm in Zukunft aber wieder mehr Bedeutung zukommen. Gerade in Zeiten des Klimawandels. "Der Einzelwagenverkehr, wie wir ihn in Gießen betreiben, entlastet die Straße täglich um 15 000 Lkw-Fahrten und die Umwelt um zwei Millionen Tonnen CO2 im Jahr", teilt die Pressestelle von DB Cargo mit. Die Zahl der Wagen, die in Gießen pro Woche ein- und ausgehen, schwankt sehr stark, in der Regel sind es aber 130, sagt Glaubetz.

Die Erklärung, warum nicht mehr Unternehmen ihre Güter auf Schienen transportieren, ist einfach. Die Beförderung mit Lastwagen ist oft günstiger. Die teilweise anfallenden Mautgebühren sind im Vergleich zu den Kosten, die für den Betrieb eines 33 000 Kilometer langen Streckennetzes benötigt werden, bestenfalls Peanuts. Kein Wunder, dass rund 70 Prozent des deutschen Güterverkehrs auf Lastwagenfahrten entfällt. Immerhin: Der Schienengüterverkehr hat in den vergangenen Jahrzehnten aufgeholt.

Das freut auch Glaubetz. Er würde sich wünschen, wenn mehr Gießener Firmen auf Schiene statt Straße setzen würden. "Man kann sich auch zusammenschließen, beide Verkehrsträger kombinieren und dadurch Kosten sparen. Zum Beispiel im Europaviertel", sagt der Bahn-Mitarbeiter.

Es wäre nicht nur gut für die Bilanz der Deutschen Bahn, sonden auch für die Bilanz des Klimas und der Umwelt.

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