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Julia Schoch liest Auszüge aus ihrem Roman "Schöne Seelen und Komplizen".

Schichten von Geschichte

Gießen (cmd). "Ich erinnere mich eher an das, was ich fiktionalisiert habe, als an die Realität." Mit diesen Worten erklärt Julia Schoch das Ziel, oder eher die Wirkung ihres Romans "Schöne Seelen und Komplizen". Die Schriftstellerin las in der Uni-Aula Auszüge aus dem Gesellschaftsroman, dessen Handlung sich halb in der ehemaligen DDR, halb in der heutigen Zeit abspielt. Veranstaltet wurde die Lesung vom Literarischen Zentrum, weil der erste Teil des Romans im Jahr 1989 spielt, zum Mauerfalljubiläum.

Die Protagonisten besuchen gemeinsam eine Oberschulen-Klasse in der DDR. Der persönliche Bezug zum Leben Schochs ist hier gegeben. Die Autorin ist selbst an der Grenze zu Polen in Ostdeutschland aufgewachsen und hat genau eine solche Schule besucht. Überhaupt schreibt sie hier über ihre Generation, über die Einzelschicksale der Figuren. Jede Figur "darf mal sprechen", bekommt also ihren eigenen Anteil an Kapiteln als Ich-Erzähler.

Dies unterstreicht ihre am Anfang zitierte Aussage über fiktionalisierte Erinnerungen. Schoch möchte die Geschichte nicht objektiv, sondern durch viele verschiedene Blickwinkel darstellen. "Es gibt meiner Auffassung nach überhaupt keine kollektive Erinnerung", erklärt sie. Sie wolle ihre Leserschaft auch dafür sensibilisieren, dass die DDR-Geschichte weder von der Hand zu weisen, noch über einen Kamm zu scheren sei. Jedes Schicksal sei individuell, und so auch jede Geschichte und jede Realität subjektiv zu betrachten.

Ostdeutsche Identität

So erleben Schochs Romanfiguren nicht nur die Schulzeit, sondern im zweiten Teil des Romans das spätere Erwachsenenleben nebeneinander, teils miteinander, aber niemals gleich. Ihre Gedanken, Sorgen und Ängste unterscheiden sich, haben verschiedene Ursprünge - eine Scheidung, das Aufeinandertreffen mit einer ehemaligen Affäre oder eine todbringende Krankheit - und teilen doch denselben Lebensanfang. Sie alle führen zurück in die ostdeutsche Oberstufe. Lediglich diesem zweiten Teil liest Schoch auch vor. Sie habe den ersten Teil nur geschrieben, um dem zweiten Kontext zu geben, die Figuren mit Geschichte zu füllen. Die ostdeutsche Identität spielt hierbei immer eine Rolle, immer aber auch nur eine kleine. Sie klingt am Rande an, und genau das bezweckt Schoch auch.

Lothar Schneider vom JLU-Institut für Germanistik fragte die Schriftstellerin, nachdem das Publikum die Möglichkeit bekommen hat, selbst Fragen zu formulieren, wie Geschichtsschreibung funktioniere. Diese überlegt und sagt dann: "Geschichtsschreibung funktioniert nur polyperspektivisch. Alles hängt mit allem zusammen."

Die Wirkung von Literatur könne nur schwerlich empirisch nachgewiesen werden, wenn sie sich aber eine Wirkung für ihren Roman wünschen könne, wäre es das Verständnis hierfür.

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