Autor Tom Müller (l.) mit Moderator Nicolaus Webler. FOTO: JOU
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Autor Tom Müller (l.) mit Moderator Nicolaus Webler. FOTO: JOU

Am Scheideweg

  • vonSascha Jouini
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Tom Müller stellt im KiZ seinen ersten Roman "Die jüngsten Tage" vor. Er erzählt vom Leben einer schwierigen Generation.

Jugendliche ohne echte Zukunftsperspektive porträtiert Autor Tom Müller in seinem Debütroman "Die jüngsten Tage". Dies zeigt sich besonders deutlich im 2001 spielenden Kapitel "Kaiser". Nach abgeschlossener Schullaufbahn besetzt darin die Clique um Drahtzieher Strippe ein ehemaliges Bürgerzentrum, das geräumt werden soll. Mit ihrer "kleinen Aktion" wollten die Heranwachsenden ihr Leben mit Bedeutung aufladen, merkte Müller am Dienstag im Rahmen der Lesung des Literarischen Zentrums an; die Möglichkeit, gesellschaftlich Einfluss zu nehmen, sei indes geschwunden.

"Autoritätsvakuum"

Zur Clique gehört Jonathan. Jahre später, als sein bester Freund Strippe stirbt und dessen Mutter ihn sprechen will, reist er von Hamburg nach Berlin. Dazu drängt ihn seine Freundin Elena: "Du musst der Wirklichkeit ins Auge sehen", hält sie ihm vor. Im Zug spürt eine Mitreisende seine innere Anspannung und will ihm helfen; Jonathan ärgert sich darüber, wie bemitleidenswert er herüberkommt.

Für Moderator Nicolaus Webler hat Jonathan mit seinen Tagträumen den Hang, den Bezug zur Realität zu verlieren. Jonathan projiziere die intensive Art zu leben, die er durch Strippe in Ostberlin kennengelernt habe, auf Elena, charakterisierte Müller seinen Protagonisten. Am Scheideweg stehend, sei er hochsensibel.

Müller, 1982 in Friedrichshain geboren und bis zur Maueröffnung in der DDR aufgewachsen, widmet sich einer Generation, die nach der Wende in den 1990er Jahren in ein "absolutes Autoritätsvakuum" geraten sei. Nicht ganz einleuchten wollte der Bezug, den er im Roman zu dem italienischen Schriftsteller und Dichter Gabriele D’Annunzio herstellt, der, so Müller, "die moderne Form des Populismus" erfunden habe und auf den Jonathan zufällig stößt. Der manipulativen Seite gegenüber stehe der Prozess, sich "von der Verführungskunst der Worte" zu befreien.

Müller las mit etwas monotoner, teilnahmsloser Stimme; die verbesserungswürdige Vortragsweise trübte den Eindruck deutlich. Dabei verfügt er durchaus über schriftstellerisches Talent, wie beispielsweise das Kapitel "Arche" bewies, in dem er anschaulich beschreibt, wie Jonathan mit Elena nach Sylt fährt und ihr seinen Plan vorenthält, die Insel nicht mehr zu verlassen. Eindringlich führt Müller hier vor Augen, wie verloren sich die beiden im Zug fühlen, umgeben von feiernden Leuten, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen.

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