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Dr. Alexandra Schauer (Mitte) erhält den Wilhelm-Liebknecht-Preis; Prof. Stephan Lessenich und Dietlind Grabe-Bolz gratulieren ihr.

Schauer erhält Liebknecht-Preis

Der Wilhelm-Liebknecht-Preis geht an die Soziologin Dr. Alexandra Schauer für ihre Arbeit »Mensch ohne Welt. Zur spätmodernen Vergesellschaftung des Individuums«. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz gedachte in ihrer Rede an den Revolutionär Wilhelm Liebknecht und seiner Ideen, die mit der Verleihung des Preises weiterleben würden.

Die Ideen von Wilhelm Liebknecht seien entscheidend für alle Parteien der parlamentarischen Demokratie. Mit diesen Worten begann Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz ihre Rede anlässlich der Verleihung des Wilhelm-Liebknecht-Preises an die Soziologin Dr. Alexandra Schauer. Liebknecht, der in Gießen »geboren, aufgewachsen und politisiert« worden war, wie Grabe-Bolz ausführte, sei aufgrund seiner Einstellung ein regelrechter Soldat der Revolution im 19. Jahrhundert gewesen. Ob im Vormärz oder in der internationalen Arbeiterbewegung: Der Mitbegründer der späteren Sozialdemokratischen Partei war ein umtriebiger Zeitgenosse, der unter dem Motto »Wissen ist Macht« einst seine Gedanken postulierte. »Wir hatten ursprünglich die Verleihung im Wilhelm-Liebknecht-Haus geplant, sind aber pandemiebedingt auf den Hermann-Levi-Saal hier im Rathaus ausgewichen«, sagte Grabe-Bolz.

Tiefgehender Wandel

Liebknecht habe seine Stimme für diejenigen erhoben, die selbst keine gehabt hätten. Ihm zu Ehren stiftete der Magistrat 1990 den Wilhelm-Liebknecht-Preis, um die sozialen Grundlagen zum Aufbau des demokratischen Grundwesens zu ehren. »Der Preis ging anfänglich an historische Ausarbeitungen, aber inzwischen gilt er für Arbeiten zum Zustand des demokratischen Gemeinwesens im Allgemeinen«, sagte die Sozialdemokratin. Mit Alexandra Schauer, so betonte sie, habe die Jury eine würdige Preisträgerin gefunden. Schauers Arbeit betrachtete den Übergang von Moderne zur Postmoderne und liefert die Erkenntnis, dass das Individuum als Selbst nur noch vereinzelt erkennbar sei. »Vieles hat heute eine bedrohliche Entwicklung, aber wir erkennen auch Positives im demokratischen Gemeinwesen. Ob Klimaschutz, Toleranz, Antirassismus oder zivilgesellschaftliches Engagement, die Facetten sind vielfältig.«

Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt ihr früherer Dozent Prof. Stephan Lessenich, der die damalige Studentin in seinem Seminar in Jena kennengelernt hatte. »Ich kenne Alexandra seit 17 Jahren, also ganz gut. Ich verlangte damals als Jungprofessor wöchentliche Essays. Alexandra überzeugte mich, und so wurde sie am Ende des Semesters meine studentische Hilfskraft«, erzählte der Professor, der heute an der Goethe-Universität in Frankfurt lehrt.

Heutige Dissertationen, sagte Lessenich, seien keine Meisterwerke, sondern »Qualifikationsschreiben«. Die Dissertation von Schauer hingegen betrachtet der Dozent aus einem anderen Blickwinkel. »Diese Dissertationsschrift hätte auch eine Habilitation werden können.« Es gehe bei »Mensch ohne Welt« darum, dass der Sinn für das Ganze in der Welt verlorengegangen sei. »Es ist eine Verlustgeschichte. Die Ablösung einer gesellschaftlichen Weltordnung. Im Mittelpunkt steht ein von der Welt entfremdeter Mensch.« Die verfassten Kapitel lasen sich nach Auffassung Lessenichs wie ein gesellschaftshistorischer Roman. Mit der Schließung des Möglichkeitenhorizonts habe Schauer die Signatur der Moderne unterstrichen. »Der Kapitalismus, das am wenigsten schlechte Wirtschaftssystem, nimmt uns die Luft zum Atmen. Alexandra trifft den Nerv der Zeit«, sagte der Professor, der seine ehemalige Studentin künftig an der Universität in Frankfurt begrüßen darf.

Die Preisträgerin sagte, in ihrer Untersuchung sei die »umkämpfte moderne Öffentlichkeit« primär im Fokus gewesen, vor allem die Veränderung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. »Wir haben einen tiefergehenden Wandel der Gesellschaft zu erleben. Die Welt als fremde und unkontrollierbare Macht und als Definition für Menschen ohne Welt.« Die fortschreitende Flexibilisierung von Zeit in der Moderne führe zu einer Desorientierung des historischen Sinns. Schauer nutzte den Begriff der Risikogesellschaft. »Dort dominiert die Angst vor kommenden Gefahren und eine Verdunkelung des Zukunftshorizontes.« Jedoch erlebe sie, sagte die Soziologin, immer mehr eine Privatisierung von gesellschaftlichen Risiken, vor allem die Pandemie habe dies gezeigt.

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