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Seinen »Äppler« trinkt er am liebsten in Pits Pinte: Marco Rasch von der Satirepartei Die PARTEI möchte Gießens neuer OB werden.

Die PARTEI

Gießen: Marco Rasch will Oberbürgermeister werden - „Endlich eine Villa beziehen“

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Marco Rasch möchte für die PARTEI »zukünftige*r Oberturbobürger*innenmeister*in« von Gießen werden. Hier stellen wir ihn und die Themen, für die er eintreten will, vor.

Am 26. September ist Bundestagswahl - und Gießen wählt einen Oberbürgermeister. Fünf Männer haben sich aufgestellt. Mit 33 Jahren ist Marco Rasch der zweitjüngste Kandidat nach CDU-Kandidat Frederik Bouffier (30). Rasch wurde im September 2020 zum »Großen Vorsitzenden« des Kreisverbandes der Satirepartei Die PARTEI gewählt und sitzt seit der Kommunalwahl im März im Kreistag. Nun möchte er Gießens »zukünftige*r Oberturbobürger*innenmeister*in« werden, wie er sozialen Medien schreibt.

Und wo trifft man sich zum Interview mit einem Kandidaten von der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, wofür das Apronym Die PARTEI steht? Natürlich in Pits Pinte, wo die Spaßpolitiker und -politikerinnen regelmäßig ihren Stammtisch abhalten.

Rasch kommt mit dem Fahrrad aus Pohlheim, weil er sich »im Gegensatz zu den Grünen kein Auto leisten kann« und wo er seit zwölf Jahren »gezwungen ist zu leben, weil die Scheißmieten in Gießen zu hoch sind«. Bei dieser Partei muss man sich stets auf eine rohe und plastische, aber gleichwohl ehrliche und direkte Sprache einstellen. Oder bestreitet noch irgendjemand, dass teures Wohnen immer mehr Menschen umtreibt?

Oberbürgermeister-Wahl in Gießen: Wer ist Marco Rasch?

Manchen Politikern und Wählerinnen fällt es schwer, in der PARTEI entweder etwas Ernsthaftes zu erkennen oder über ihre Satire zu lachen. Doch natürlich steckt in Raschs Umschreibung seiner Herkunft ernst gemeinter Antifaschismus: »Aus der wunderschönen Stadt Coburg, die dafür bekannt ist, dass sie 1939 den Titel ›Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands‹ tragen durfte«. Ein Bayern-Witz darf auch nicht fehlen: »Coburg liegt im Land Franken, das ja seit mehreren Jahrezehnten von einer feindlichen Besatzungsmacht quasi okkupiert wird.« Der 33-jährige ergänzt: »Mit Gießen habe ich den Kreis übrigens rund gemacht, da hier am 8. Mai 1933 ja eine der ersten Bücherverbrennungen stattfand.«

Eins kann man der Spaßpartei nicht vorwerfen: Dass sie müde wird, Nationalismus, Rechtspopulismus und Rassismus mit kurioser Satire anzuprangern. Der AfD werde er als OB den Mittelfinger zeigen, »und zwar täglich«, verspricht er. Raschs erster politischer Aktivismus war die Teilnahme an den bundesweiten Bildungsprotesten von Schülern und Studentinnen 2009, im Zuge derer auch die Gießener Nachttanzdemo entstand. In die PARTEI trat er erst zehn Jahre später ein. »Ich war viel zu lange viel zu geizig, bis ich gemerkt habe, dass keine Partei so billig ist wie wir«, erläutert er. Das meint er wörtlich - zehn Euro pro Jahr kostet die Mitgliedschaft.

Die PARTEI bei der Oberbürgermeister-Wahl in Gießen: Marco Rasch tritt an

Bekannt ist der Mann mit Batschkapp auch als Mitgründer und geschäftsführender Anteilseigner des gemeinnützigen Kulturunternehmens Zellkultur sowie als Beisitzer im Vorstand des Literarischen Zentrums. »Kulturgedöns«, wie er sagt. Damit kann er sein Leben allerdings noch nicht finanzieren. Das tut er mit »zwielichtigen Geschäften mit Stockfotos« (Datenbanken mit lizensierten Symbolbildern).

Nach Gießen kam er »auf der Suche nach Reichtum und Glück« - was allerdings mit einem Germanistik- und Philosophiestudium »nicht so ganz« geklappt habe. Deswegen tritt er nun zur Wahl an. »Um als OB endlich eine Villa beziehen zu können«, sagt er. Was er als Stadtoberhaupt erreichen möchte? »Frag' mich das nach drei Äppler nochmal«, antwortet er und lacht. Das Autofahren wolle er »kategorisch verbieten«, weil er pro Woche mindestens fünfmal fast überfahren werde auf dem Fahrrad. Außerdem wolle er »sehr viel« für volljährige Jugendliche tun, zum Beispiel einen Sonderpreis auf Marihuana schaffen. »Ich finde auch, dass Sport, Alkohol und Drogen wunderbar gemeinsam funktionieren«, sagt Rasch und fügt an: »Siehe Walter Frosch, Vereinslegende des FC St. Pauli.«

Die Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten und Legalisierung kann man als eines der ernsteren Anliegen der Partei begreifen. Im Gegensatz dazu, wie im Programm des Kreisverbandes gefordert, Kulturhäuser in Parkhäuser umzuwandeln oder eine Mindestmiete von 18 Euro pro Quadratmeter einzuführen. Selbstredend sind diese Punkte satirische Kritik an Kulturraumverlust und hohen Wohnkosten. Realpolitik ist dabei nicht das oberste Ziel. Wenn auch Vorschläge im Gießener Stadtparlament wie der nach kostenlosen Tampons und Binden in öffentlichen Einrichtungen aufgrund von »Menstruationsarmut« in bestimmten Bevölkerungsgruppen immer wieder durchblitzen lassen: Wenn PARTEI-Mitglieder ein Mandat bekommen, nutzen sie dies auch für ernst gemeinte Anliegen. Und Rasch nutzt beispielsweise die Aufmerksamkeit im Wahlkampf, um fürs Impfen gegen Corona zu werben: »Lassen auch SIE sich impfen, es ist sehr gut. Oder wollen Sie mit’m Schlauch im Hals auf dem Bauch in der Intensivstation rumliegen?«, schreibt er am 22. August in sozialen Medien kurz nach seinem zweiten Pikser.

Einen Tag später sitzt er zum GAZ-Gespräch in Pits Pinte. Wofür der Wahl-Gießener die Stadt besonders mag? »Natürlich für die Pinte, für den Marbobo, fürs Sowieso - dafür liebe ich Gießen«, sagt Marco Rasch. Er sei »Gießener durch und durch«.

Fünf Bewerber bei Direktwahl um das Oberbürgermeister-Amt

Fünf Männer bewerben sich am 26. September bei der fünften Gießener Oberbürgermeister-Direktwahl um die Nachfolge von Dietlind Grabe-Bolz (SPD). Das sind Alexander Wright (Grüne), Frederik Bouffier (CDU), Frank-Tilo Becher (SPD), Marco Rasch (Die PARTEI) und Thomas Dombrowski. Erreicht keiner der Kandidaten ein Ergebnis von mindestens 50 Prozent, findet am 24. Oktober eine Stichwahl zwischen den Erstund Zweitplazierten des ersten Wahlgangs statt. Die Amtszeit des neuen OB beginnt Mitte Dezember und dauert sechs Jahre.

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