Gut gesichert: Die Gießkannen an den Brunnen. FOTO: CG
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Gut gesichert: Die Gießkannen an den Brunnen. FOTO: CG

Sanftes Sonnenlicht vor dem Totensonntag

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Mit forschen Schritten geht der Pfarrer voraus, die Trauergemeinde folgt ihm. Durch die Buchenallee, vorbei am jüdischen Gräberfeld Richtung Krematorium. Schwarze Kleidung, schwarze Masken, hier und da eine weiße oder rote Rose. "Die Sonne hätte ihr gefallen", sagt eine Frau und zupft an ihrem Schal. Sie begleitet den Menschenzug nicht bis zum Grab, sondern steuert den Ausgang des Neuen Friedhofs an.

Es stimmt. Die Sonne gibt noch einmal alles an diesem Nachmittag im November kurz vor dem Totensonntag. Sie taucht die Parkanlage in ein goldenes Licht, der Wind fährt sanft durch die fast kahlen Äste der Bäume. Ein Mann kurvt langsam mit seinem Fahrrad umher. Darf der das? Nein. Vielleicht weiß er es gar nicht. Er hat Grablichter mitgebracht. Umständlich entfernt er die Zellophanhüllen und stellt die Kerzen zwischen ein Rosenstöckchen und ein Steinherz. "In Liebe", steht darauf. Der Mann entfernt ein bisschen Moos und Laub, hält kurz inne und radelt davon. Ein Grab in der Nachbarschaft wurde mit Plastik-Alpenveilchen geschmückt, außerdem lugt ein braunes Porzellankaninchen aus dem Efeu. Die Glocken beginnen zu läuten und kündigen die nächste Bestattung an. Aus Richtung Hecke erklingt leises Zwitschern. Dort hockt eine Amsel. Ob sie weiß, dass November ist? Postschaffner, Oberstudiendirektor, Professor der Theologie, Fabrikant. Auf vielen alten Grabsteinen unterstreicht die Profession die Bedeutung des Verstorbenen, vielleicht schöpfen die Angehörigen Kraft daraus. Die Frauen gehen meist leer aus, eine der wenigen Ausnahmen bildet eine Bibliothekarin. Grabsteine sind Spiegel der Zeit.

Vorsicht, Unfallgefahr! Ein orangefarbener Zettel am Grabstein kündet von drohendem Unheil. Man sieht solche Warnungen hier und da auf dem weitläufigen Gelände. Die Friedhofsverwaltung hat die Wackelkandidaten im Blick, melden sich die Angehörigen nicht, wird gehandelt. Die Gießkannen an den Brunnen baumeln im Wind, aus gegebenem Anlass gut gesichert mit Fahrradschlössern. Vielleicht zieht die eine oder andere bald in ein Winterquartier.

Ein in die Jahre gekommenes Familiengrab. Manfred ist nur 16 Jahre alt geworden. "Liebe Mutter, denk daran, was Gott tut, ist wohlgetan". Ein Junge ist gestorben. Das sind Momente, in denen selbst standhafte Christen zweifeln. Ob der Mutter der Spruch ein Trost war? (cg)

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