Ob Oman, Australien oder Israel: Die Sandsammlung der JLU umfasst über 700 Sandproben aus allen Teilen der Erde. FOTO: SCHEPP
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Ob Oman, Australien oder Israel: Die Sandsammlung der JLU umfasst über 700 Sandproben aus allen Teilen der Erde. FOTO: SCHEPP

Der Sand der Welt

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Sand sorgt für Sehnsucht. Zumindest dann, wenn er in unendlicher Fülle als Strand an Ufern liegt. Das Meer hat die Menschen schon immer angezogen. Das gilt auch für Karin Heidtmann. Und jedes Mal, wenn sie Strände besuchte, steckte sie ein paar Körner ein. Zur Freude der Justus-Liebig-Universität.

Nein, das ist die falsche Tür. Volker Wissemann steht etwas ratlos im Keller der Hermann-Hoffmann-Akademie. Wo sind die Kartons noch gleich? Der JLU-Professor versucht es an der nächsten Tür - und wird fündig. Auf einem Tisch stehen knapp 20 kleine Kartons. Wissemann öffnet einen, greift hinein und fischt ein kleines Gefäß mit goldenem Inhalt heraus. "Hawaii", ist dem Etikett zu entnehmen. Dieses mit Sand gefüllte Fläschchen ist Teil einer rund 750 Proben umfassenden Sammlung. Sie ist vor knapp zwei Jahren dem Institut für Botanik der JLU angeboten worden, erzählt Wissemann. "Und wir haben dankend angenommen."

Sandsammlung dank Mauerfall

1989. Mauerfall. Ganz Deutschland liegt sich in den Armen. Durch das historische Ereignis erlangen die Menschen aus dem Osten ihre Reisefreiheit zurück. Und auch die Westbürger können wieder hinten die Mauer blicken. Zum Beispiel Karin Heidtmann. "Nach dem Mauerfall konnte sie zum ersten Mal mit ihrer Familie an die Ostsee reisen", erzählt Wissemann. Dort sei ihr aufgefallen, dass der Sand an verschiedenen Stränden auch eine unterschiedliche Beschaffenheit hat und sich in Farbe wie Struktur unterscheidet. Also packte Heidtmann ein paar Sandproben in eine Tüte und nahm sie mit nach Hause. Es war der Beginn einer großen Leidenschaft.

Zehn Jahre lang reiste Heidtmann um die Welt und sammelte Sand. Freunde und Bekannte unterstützen sie dabei, indem sie von ihren Urlaubszielen ebenfalls Proben mit nach Hause nahmen. Bis zum Jahr 2000 kamen so über 750 Proben zusammen. Zum Beispiel aus Mexiko, Amerika und Kanada, Kroatien und Israel, dem Oman, Vietnam oder Neuseeland. Als Heidtmann dann ihren Haushalt auflöste und in ein Seniorenheim zog, suchte ihre Enkelin einen guten Platz für die Sammlung - und Wissemann schlug zu.

"Wir haben die Sammlung gerne genommen, da sie zwar nicht einzigartig, aber zumindest selten ist", sagt der Professor. Denn das Hobby, dem früher viele Urlauber meist in kleinerem Rahmen nachgingen, ist heute an den meisten Orten verboten. An manchen Stränden wird der Sand schon knapp. Klar: Wenn Millionen von Touristen eine Prise Sand mitnehmen, fällt das ins Gewicht.

Erkenntnisse über Wüstenbildung

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Sammlung für Wissemann und sein Team ein Glücksfall, zumal Heidtmann ihre Proben feinsäuberlich katalogisiert hat. "Mit den Sanden können wir Themen wie Klimawandel, Austrocknung sowie Fortschreitung und Veränderung der Wüsten aufarbeiten", sagt der Leiter der Hermann-Hoffmann-Akademie. Die unterschiedlichen Strukturen und Farben würden zudem Einblicke in die Entstehung der Strände bzw. Wüsten geben. "Sande entstehen durch die Zersetzung von Steinen. Schwarzer Sand ist zum Beispiel aus zermahlenem Lava-Gestein hervorgegangen."

Dass die Sandproben etwas lieblos im Keller lagern, liegt übrigens nicht an fehlender Wertschätzung. Bei so vielen bedeutsamen Objekten im Fundus der JLU fehlt den Verantwortlichen schlicht die Zeit, sie angemessen aufzuarbeiten und zu präsentieren. Im Umkehrschluss heißt das: In den Kellergewölben der Universität gibt es noch viele Schätze zu entdecken.

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