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Bilder restaurieren

Sabine Kuypers gibt alten Gemälden neuen Glanz

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Der Zahn der Zeit nagt auch an Gemälden. Hier kommt Restauratorin Sabine Kuypers ins Spiel. Ihr gelingt es mit viel Aufwand, Erfahrung und Fachwissen, den alten Kunstwerken wieder zu neuem Strahlen zu verhelfen. Aktuell hat sie fünf ganz besondere Gemälde aus dem Oberhessischen Museum in ihrer Werkstatt.

Als Elke Köttschau aus Seligenstadt im September vergangenen Jahres dem Oberhessischen Museum fünf Bilder aus ihrem Familienbesitz übergab, war die Freude bei Museumsleiterin Katharina Weick-Joch groß. Schließlich handelt es sich bei den Gemälden nicht nur um fünf Porträts der bedeutenden Gießener Ratsherren- und Postmeisterfamilie Kempff und damit ein Zeugnis der Stadtgeschichte. Zwei der Porträts sind zudem Originale des Porträt- und Landschaftsmalers Carl Wilhelm Trautschold, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Zeichenlehrer an der Gießener Universität tätig war.

Restauratorin Sabine Kuypers hat die fünf Gemälde - neben je zwei Damen- und Herrenporträts gibt es auch noch ein Bild mit vier Kindern, das wahrscheinlich wie die beiden jüngeren Einzelporträts ebenfalls von Trautschold gemalt wurde - in ihrer Werkstatt "Art Erhaltung" in Biebertal-Fellingshausen untersucht. Sie lässt sie schon bald in ihrer ganzen Pracht erstrahlen.

Dabei geht die erfahrene Diplom-Restauratorin äußerst behutsam vor. "Jedes Bild ist einzigartig und bringt neue Herausforderungen", erzählt sie. "Wenn ich Bilder restauriere, wachsen sie mir ans Herz. Wenn ich die später wiedersehe, ist es, als ob ich einen alten Freund treffen würde." Und nun sind auch noch zwei ganz besondere "Freundinnen" dazugekommen.

Die zwei Damenporträts sind bereits im Röntgenapparat des Frankfurter Städel durchleuchtet und analysiert worden. Im Mittelpunkt standen Fragen nach verwendeten Materialien, Werkprozess oder späteren Übermalungen. Nach der Sichtung war klar, dass eine Reinigung der Bilder, und im Fall des älteren Damenporträts vor allem eine Festigung der Malschicht notwendig sind.

Die Restaurierung der beiden Frauenporträts ist mittlerweile weit fortgeschritten. Eines zeigt Maria Katharina Kempff (1734-1805), die Ehefrau des ersten Postmeisters von Gießen, Philipp Heinrich Kempff (1729-1801), und wurde von einem noch unbekannten Maler im Rokoko-Stil gemalt. Der Firnis, der bei einer früheren Restaurierung aufgetragen worden war, war mittlerweile stark vergilbt und viel zu dick. Zudem glänzte das Gemälde ungewöhnlich stark und die Farbe wies nicht nur ein natürliches Krakelee auf, sondern auch eine sogenannte "Schüsselbildung". So bezeichnen es Restauratoren, wenn sich Farbstücke an den Rändern leicht hochwölben und vom Untergrund lösen. Eine Dublizierung, also eine vollflächige Verklebung auf der Rückseite, und ein sich durchdrückendes Holzkreuz im Rahmen, das mehr Stabilität garantieren sollte, sorgten für weitere unschöne Veränderungen an dem Bild.

Tödliches Bleiweiss und Hausenblasen

Kuypers hat die alte Firnisschicht mit Methylalkohol und Aceton abgenommen - Zentimeter für Zentimeter mit größter Vorsicht und mit Schutzkleidung ausgerüstet. Denn bei den Röntgenuntersuchungen hatte sich ergeben, dass die Porträts der besseren Farbstrahlkraft wegen mit Bleiweiss unterlegt sind - "und das ist leider todgiftig". Mit einer Art Glätteisenstift hat sie anschließend Malschichtschüsseln geebnet und das Gemälde mit Hausenblasenleim versehen. Dieser wird aus der Schwimmblase des Stöhrs gewonnen, die eingeweicht, gesiebt und erwärmt und anschließend mit einem Pinsel vorsichtig aufgetragen wird. "Ich gehe davon aus, dass das Material nun Hunderte von Jahren halten wird", ist sich die Restauratorin sicher. Ihr ist es aber auch wichtig, dass alle ihre Eingriffe später einmal reversibel oder zumindest reaktivierbar sind.

Bei einer Untersuchung mit UV-Licht zeigte sich zudem, dass sich auf den Wangen und im Bereich der Unterlippe von Maria Katharina Kempff alte Retuschen befinden. "Manchmal ist es traurig, Bilder zu restaurieren, die schon stark übermalt sind. Aber auch das gehört zur Geschichte eines Bildes", kommentiert die Restauratorin beim Blick auf das auf ihrem Werkstatttisch liegende Gemälde. Kuypers hat die Retuschen entfernt, die darunter liegende unsauber ausgeführte Kittung gelöst und Fehlstellen mit Kreidegrund aufgefüllt sowie neue Retusche mit Aquarellfarben vorgenommen. Anschließend hat sie neuen Firnis mit der Spritzpistole aufgetragen.

"Für mich sind Gemälde und Rahmen eins. Schließlich hat sie der Künstler oft selbst ausgesucht", betont die Restauratorin und freute sich daher umso mehr, als sie bei einer ersten Reinigungsprobe feststellte, dass es sich bei den Rahmen von zwei weiteren Gemälden, echte Trautscholds, um die Originalrahmungen handelte. Die Porträts zeigen den großherzoglich-hessischen Poststallmeister Fritz Kempff (1801 bis 1871) und seine Ehefrau Marie Sophie Luise Kempff (1810 bis 1873).

Bei beiden Gemälden aus dem Biedermeier war der Firnis noch gut erhalten und sie ließen sich mit Hilfe von Enzymen relativ gut von Schmutz befreien. Aber die Rahmen waren mit einer viel zu dunklen Goldfarbe überstrichen und Fehlstellen nur grob aufgefüllt worden. "Ich dachte zuerst, das sei ein Rahmen aus einem Möbelhaus aus den Sechzigern", scherzt Kuypers. Und ergänzt: "Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig solch ein Rahmen ist". Was sie damit meint, wird beim Blick auf die nebeneinander aufgestellten Rahmen deutlich. Während der Rahmen des zur Reinigung auf dem Tisch bereitliegenden Porträts Fritz Kempffs noch nicht restauriert ist, erstrahlt die entsprechende Einfassung um das Bildnis seiner Gattin Marie Sophie Kempffs bereits in voller Schönheit. Der warme Goldton lässt das Gemälde förmlich leuchten. Der Blick wird in das Bild hineingeführt.

Originalrahmen als Überraschungsfund

Kuypers hat Fehlstellen im Ornament, die nachträglich ergänzt worden waren, aber weder farblich noch in der Form wirklich passten, ersetzt. Dafür hat sie mit einer Silikonabformmasse einen Abdruck vom originalen Ornament an einer unbeschädigten Stelle gemacht. Sobald das Modell ausgehärtet war, wurde es mit Kittmasse aufgefüllt und anschließend in die Fehlstelle eingesetzt. Mit frischem Blattgoldüberzug erkennt man nun wieder die unterschiedlichen Techniken des Vergolderhandwerks: feine Ornamente, ein Band aus mit Leim und Sand gearbeiteter "Sandlung", feine Gravuren und mit einem Schlagstempel eingebrachte Punzen.

"Jeder Rahmen kommt aus einer bestimmten Zeit", weiß Kuypers - und das will sie in ihrer Arbeit als Restauratorin auch deutlich machen. Schließlich kennt sie sich da bestens aus, hatte noch vor ihrem Restauratorenstudium in Erfurt zwei Jahre in einer Werkstatt gearbeitet, die sich ausschließlich auf das Restaurieren von Bilderrahmen spezialisiert hatte. Ein von ihr damals restaurierter Rahmen war kürzlich in der Frankfurter Van Gogh-Ausstellung zu sehen. "Als ich den entdeckt habe, hatte ich Gänsehaut", erinnert sich Kuypers.

Wann sie mit ihrer Arbeit an den fünf Gemälden für das Oberhessische Museum fertig sein wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer sagen. "Das hängt auch von der Auftragslage ab". Sie schätzt, dass es bis Juli dauern wird, bis auch das letzte Gemälde wieder zurück in das Oberhessische Museum gebracht werden kann.

Für alle, die alte Gemälde aus ihrem Familienbesitz aufarbeiten lassen wollen, hat die Restauratorin noch einen Tipp: Gut ausgebildete und erfahrene Restauratoren findet man über den Verband der Restauratoren mit Sitz in Bonn und Berlin. Der vertritt in Deutschland die beruflichen Interessen von rund 3000 Restauratoren aller Fachrichtungen. Wer hier Mitglied ist, hat sein umfassendes Können nachweisen können und ist gut vernetzt. Denn der Beruf Restaurator, den es noch nicht lange samt Hochschulausbildung gibt, ist nicht gesetzlich geschützt. Früher haben überwiegend Künstler oder Handwerker Gemälde ausgebessert. "Doch die Methoden, die man anwendet, werden immer ausgefeilter", macht Kuypers die gestiegenen Ansprüche deutlich. Und was unsachgemäße Ausbesserungen anrichten können, erlebt sie schließlich immer wieder in ihrem Atelier. Zu ihren Kunden zählen schließlich Museen und private Sammler gleichermaßen.

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