Seit 49 Jahren kocht Sabato Laurito schon im "Löwen". Aber auch privat hat das Restaurant sein Leben beeinflusst.
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Seit 49 Jahren kocht Sabato Laurito schon im »Löwen«. Aber auch privat hat das Restaurant sein Leben beeinflusst.

Mensch, Gießen

„Liebe geht durch den Magen“: Italiener kam zum Kochen nach Gießen und fand die Liebe

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gastarbeiter haben den Deutschen gezeigt, dass Liebe durch den Magen geht. Vor allem die Italiener haben die hiesige Küche bereichert. Das trifft auch auf Sabato Laurito zu, den Küchenchef des Restaurants »Zum Löwen«. Heute ist Gießen seine zweite Heimat. Bei seiner Ankunft vor über 50 Jahren hätte er jedoch am liebsten gleich wieder die Heimreise angetreten.

  • Ausgewandert: Vor gut 50 Jahren kam Sabato Laurito als Gastarbeiter von Italien nach Gießen.
  • Im Restaurant „Zum Löwen“ brachte er es vom Pizzabäcker zum Küchenchef und schließlich zum Teilhaber.
  • Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat er sich gut in Mittelhessen eingelebt, eine Familie gegründet und Freunde gefunden.

Es ist ein nasskalter Nachmittag. Menschen huschen mit hochgezogenen Schultern über die mit Laub beklebten Straßen der Innenstadt. Schmuddelwetter. Im Restaurant »Zum Löwen« herrscht hingegen Sonnenschein. Zumindest in Sabato Lauritos Erinnerungen. Der 67-Jährige erzählt gerade von seinem Heimatdorf in der süditalienischen Region Kampanien.

Gießen als kalter Kontrast zum warmen Italien

»Vom Fenster meines Elternhauses aus konnte ich das Meer sehen. Und hinter uns lagen die Berge und Wälder, in denen wir immer spazieren gingen und Steinpilze sammelten.« Lauritos Lächeln verrät, wie sehr er noch immer an seiner alten Heimat hängt. Dabei ist Gießen längst sein neues Zuhause geworden. Das gilt auch für die Küche des Löwen. Das altehrwürdige Restaurant im Neuenweg, in dem einst schon Goethe gesessen haben soll, hat das Leben des Italieners nicht nur beruflich stark geprägt.

In Cannalonga, dem Heimatort von Laurito, leben nicht viel mehr als 1000 Einwohner. »Die jungen Menschen sind fast alle weggezogen. Vor allem nach Deutschland«, erzählt Laurito. Er selbst war sieben, als sein Papà ins ferne Gießen ging, um Geld für die Familie zu verdienen. Knapp zehn Jahre später, der Vater war gerade zurückgekehrt, versuchte auch Laurito Junior sein Glück in der Stadt an der Lahn. Am 27. Dezember 1968 kam er in Gießen an - und hätte am liebsten gleich wieder kehrtgemacht. »Es war eine Katastrophe«, sagt Laurito lächelnd. Nicht nur wegen des winterlichen Wetters sei ihm Deutschland kalt vorgekommen. »In meiner italienischen Heimat ging es sehr herzlich zu. Das ganze Dorf war wie eine Familie.« In Gießen hingegen war Laurito allein - und das mit gerade mal 16 Jahren.

Sabato Laurito: Vom Pizzabäcker zum Restaurant-Besitzer

Vier Tage nach seiner Ankunft stand Laurito schon am Ofen der Pizzeria Capri in der Grünberger Straße. Zwei Monate später wechselte er in die Küche der Pizza Pie, bevor er 1971 seinen Platz im Löwen einnahm. Zu jener Zeit betrieben sein Bruder Luigi Laurito und Luca Bortoli das Restaurant. 1976 stieg Laurito vom Pizzabäcker zum Küchenchef auf. Und zehn Jahre später, als sein Bruder Luigi dem Lokal den Rücken kehrte, wurde Laurito Teilhaber. 2005 übernahm er das Restaurant dann zusammen mit seinem langjährigen Kollegen Denis Gasparin - und führt es bis heute.

Vom 16-jährigen Gastarbeiter zum Betreiber eines angesehenen Restaurants: Laurito hat es weit geschafft. »Ich bin zumindest zufrieden«, sagt der 67-Jährige. Vor allem, weil es ihm noch heute so viel Spaß mache, in der Küche Speisen zuzubereiten. Laurito macht aber keinen Hehl daraus, dass sich die Leidenschaft fürs Kochen erst entwickeln musste.

Gießen: Restaurant „Zum Löwen“ bietet kulinarische Weltreise

Nach seiner Ankunft aus Italien heuerte Laurito nicht in einem Restaurant an, weil er das Kochen so liebte. Sondern weil er hier Geld verdienen konnte. Zu Hause in Italien war die Mama für das Kochen zuständig gewesen. »Sie hat die Nudeln immer selbst gemacht und Gemüse aus unserem großen Garten verwendet.« Laurito kannte das Kochen also als etwas Familiäres, Schönes, Leidenschaftliches. In seiner Anfangszeit in Gießen war das Zubereiten von Pizza und Pasta hingegen vor allem harte Arbeit. »Wir standen damals von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts in der Küche.« Die italienische Siesta passte so gar nicht in das von Fleiß und Ernsthaftigkeit geprägte Deutschland. »Die Anfangszeit war daher sehr schwierig für mich. Ich war es gewohnt, ganz anders zu leben.« Laurito muss bei der Erinnerung lachen: »Ich habe damals nur darauf gewartet, endlich Urlaub zu haben und nach Italien fahren zu können.«

Doch diese Gedanken legten sich schnell. Vor allem durch die Arbeit im Löwen. »Es hat mir Spaß gemacht, mich weiterzuentwickeln. Ich wollte hochwertige Speisen zubereiten«, sagt Laurito. Schon von Beginn an habe er daher Spitzenköche aus Italien und Frankreich nach Gießen eingeladen, um mit ihnen für die Gäste kochen zu können. Zudem erweiterte er sein kulinarisches Spektrum. Neben Pizza und Pasta gibt es im Löwen auch regelmäßig Rehgulasch, Wildschwein, Spießbraten und Gans. Wegen des Lockdowns momentan nicht im Lokal, dafür aber zum Abholen und liefern lassen. Laurito hat also die deutsche Kultur verinnerlicht. Und nicht nur die.

Koch kommt wegen dem Geld nach Gießen und bleibt wegen der Liebe

Während seiner Zeit in der Küche des Löwen hat Laurito viele Köche und Servicekräfte kennengelernt. Und da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass er auch seine spätere Ehefrau, die aus dem Kongo nach Gießen gekommen war, beim Kochen kennenlernte. »Sie hat bei uns im Restaurant gearbeitet«, sagt der Küchenchef. In Kleinlinden schuf sich das Paar ein zu Hause und zog drei Kinder groß. »Allesamt Sportler. Einer meiner Söhne war Fußballprofi, meine Tochter spielte Handball in der Nationalmannschaft, und mein dritter Sohn studierte an der Sporthochschule in Köln«, erzählt Laurito. Der Jüngste habe zudem die Leidenschaft fürs Kochen geerbt. Beruflich wollte er aber nicht in die Fußstapfen des Vaters treten. Die beiden anderen Kinder auch nicht. Schließlich wussten sie, welche Opfer die Gastronomie fordern kann. »Früher habe ich 15 Stunden am Tag gearbeitet und kam erst nachts nach Hause«, sagt Laurito. »Darunter leidet die Familie

Dass seine Kinder einen anderen Weg eingeschlagen haben, scheint Laurito aber nicht zu stören. Im Gegenteil: Man merkt dem Vater seinen Stolz an. Vor allem, weil er inzwischen Opa ist. »Mein Enkelkind ist alles für mich«, sagt Laurito mit einem Lächeln.

Gießen und „Zum Löwen“ als neue Heimat für alte Familiengerichte

Heute frisst die Arbeit nicht mehr die ganze Freizeit auf. Viele Aktivitäten abseits der Küche sind trotzdem nicht drin. »Ich sammle aber gerne Pilze«, sagt Laurito. In der Saison sei er nahezu täglich im Bergwerkswald unterwegs. Für eine Verwednung im Löwen reicht die Menge nicht aus, aber immerhin kann er manchmal dem Team ein leckeres Risotto zubereiten. Oder aber er verschenkt die Pilze an seine Nachbarn.

Seine Ehefrau freut sich natürlich ebenfalls über leckere italienische Pilzgerichte. Wenn sie selbst in der Küche steht, stehen hingegen eher afrikanische Gerichte auf der Speisekarte. Die Wurzeln seiner Ehefrau haben das Leben von Laurito aber nicht nur kulinarisch bereichert. Er kam in Kontakt mit der afrikanischen Community, reiste nach Kinshasa und lernte vor allem die afrikanische Küche kennen. Sein Herz, daraus macht er keinen Hehl, schlägt trotzdem eher für Italien. »Daher habe ich meine Nachbarn auch schon mal mit in meine Heimat genommen«, sagt er. Natürlich habe er die Besucher auch in die Berge hinter seinem Elternhaus geführt.

Laurito ist nur noch sehr selten in Italien. »Zwei Mal in den vergangenen zehn Jahren«, sagt er. Sein Zuhause, das liegt jetzt in Kleinlinden. Die Berge und Wälder rund um Cannalonga hat er gegen den Gießener Bergwerkswald eingetauscht. Das ist okay, wie er sagt. Hier gibt es schließlich auch Steinpilze.

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