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Ruhender Pol für Mensch und Tier

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Von: Christine Steines

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Besonders »arme Krüstchen« haben es ihr angetan. Gertrud Hanis hat ein großes Herz für Zwei- und Vierbeiner. © Oliver Schepp

Sie gehört zu einer aussterbenden Spezies. Gertrud Hanis ist seit 45 Jahren im Pflegeberuf. So lange hält kaum noch jemand durch. Die Belastung ist enorm hoch. Dennoch liebt sie ihre Berufung. Statt nach dem Job zu Hause die Füße hochzulegen, kümmert sie sich um »ausrangierte« Hunde und sorgt dafür, dass sie ein gutes Leben bekommen. Die 62-Jährige hat ein großes Herz für Mensch und Tier.

Überschwängliche Begrüßung. Chihuahua Molly hüpft aufgeregt umher, die alte Windhündin Tessa stupst den Besuch mit ihrer grauen Schnauze an, die englische Bulldogge Mabel dreht Pirouetten um den Tisch. Ruhender Pol inmitten des Trios ist Gertrud Hanis. Freundlich weist sie die vierbeinigen Damen in ihre Schranken. Das ist eine ihrer leichtesten Übungen, denn in ihrem Job warten täglich noch viel schwierigere Aufgaben.

Gertrud Hanis ist eine erfahrene Krankenschwester und im St.-Josefs-Krankenhaus Balserische Stiftung für das Bettenmanagement der interdiszilinären Patientenaufnahme zuständig. Das erfordert ein gehöriges Organisationstalent und Flexibilität. Zudem ist sie Stationsleiterin der Zentralen Notaufnahme. Da gehört es zu den Grundvoraussetzungen, Ruhe zu bewahren. Ihr obliegt die pflegerische Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit. Der Begriff Triage, der seit der Pandemie eine traurige Berühmtheit erlangt hat, ist in der Notfallmedizin üblich und tägliche Praxis: Da dort das Patientenaufkommen nicht planbar ist, nur ein Teil der Patienten medizinisch dringliche Probleme aufweist und nicht alle gleichzeitig behandelt werden können, müssen Notfallpatienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen bereits zum Zeitpunkt der Vorstellung innerhalb weniger Minuten verlässlich identifiziert werden. Dazu braucht man nicht nur Fachkenntnis, sondern auch Autorität und Durchsetzungsvermögen - und all das hat die 62-Jährige.

Das hängt zum einen mit ihrer Rolle als ältestem Kind von sieben Geschwistern zusammen, aber auch mit den Ordensschwestern, von denen sie als junge Frau viel gelernt hat. Doch der Reihe nach. Gertrud Hanis wurde 1959 in Montreal geboren, dorthin waren die Eltern in den 50er Jahren ausgewandert. Aufgewachsen ist sie jedoch in New Jersey, dort hat sie eine Klosterschule besucht. Zweifellos, das sagt sie rückblickend, hat das katholische Elternhaus sie geprägt, die dort vermittelten Werte haben den Grundstein gelegt für ihr späteres Leben. Als Gertrud im Teenageralter war, zog die Familie zurück nach Deutschland, zunächst nach Speyer zu den Großeltern, später dann ins Gießener Land nach Allendorf und Salzböden. Einen leichten Start hatte die »Familie aus Amerika« mit den vielen Kindern in Hessen nicht. »Ich bin lange nicht warmgeworden in der neuen Heimat«, sagt Gertrud Hanis.

Anders wurde das erst, als sie 1976 nach der mittleren Reife ihre Ausbildung an der Krankenpflegeschule des St.-Josefs-Krankenhauses begann. Einerseits bedeutete der Umzug nach Gießen das erste Mal ein bisschen Freiheit und Unabhängigkeit, es war die große Zeit der Discos, und sie genoss es, auszugehen und Freunde zu treffen. Andererseits bestand der Alltag der jungen Lernschwestern aus viel Arbeit und viel Disziplin. Mit blauem Kittel und weißen Schürzen versahen die jungen Frauen den Dienst »auf Station«, immer musste alles fein gebügelt und das weiße Häubchen gestärkt sein. Die Mädchen standen unter strenger Kontrolle der Ordensschwestern, gleichzeitig ging es in der Gemeinschaft auch familiär und liebevoll zu. Auf jeden Fall, erinnert sich Getrud Hanis, hat sie vom Wissen, von der Umsicht und von der Herzensbildung ihrer Vorgesetzten profitiert.

Noch heute schweift ihr Blick prüfend durch jedes Krankenzimmer, Nachlässigkeiten in Sachen Ordnung und Sauberkeit kann sie nicht leiden. »Das habe ich von Philaretha gelernt, so wie vieles andere«, erzählt sie. Schwester »Philo« gehörte dem katholischen Frauenorden »Schwestern vom Göttlichen Erlöser« an. Sie war lange Jahre Leiterin der Abteilung Innere Medizin des Krankenhauses. Damals, erinnert sich die 62-Jährige, lagen die Patienten deutlich länger im Krankenhaus als heute. Da es minimalinvasive Eingriffe noch nicht gab, waren auch bei kleineren Operationen wie z. B. der Entfernung der Gallenblase längere stationäre Aufenthalte notwendig. Das führte dazu, dass die Schwestern die Patienten besser kennenlernten als dies heute möglich ist.

Die Schichten im Krankenhaus waren anstrengend, und wenn auf einer Station »Not an der Frau« war, wurden die Schülerinnen auch morgens vor Schulbeginn oder am Wochenende ins Krankenhaus zitiert. Keine von ihnen wäre je auf die Idee gekommen, sich zu widersetzen. Das galt selbstverständlich auch den Ärzten gegenüber, die damals noch »Halbgötter in Weiß« waren und streng auf die Einhaltung der Hierarchien achteten. »Das hat sich zum Glück geändert, heute gibt es einen Austausch auf Augenhöhe«, sagt Hanis. Dass sie eine respektierte Ansprechpartnerin ist, hat mit dem Wandel der Zeit zu tun, aber auch mit ihrer Erfahrung und Kompetenz. In ihre Leitungsfunktionen ist sie nach und nach »hineingewachsen«. Ihren Beruf liebt sie immer noch, doch wie allen Kollegen in der Pflege machen ihr die Rahmenbedingungen und der Pflegenotstand große Sorgen. »Es ist ein Jammer, denn eigentlich ist es ein toller Beruf, in dem man viel bewegen kann.«

Nicht hineingewachsen, sondern eher hineingeschlittert ist sie in eine weitere große Leidenschaft. Gertrud Hanis liebt Hunde, seit 18 Jahren ist sie im Tierschutz aktiv. Schon immer hatten sie und ihr Mann ein großes Herz für Vierbeiner - insbesondere für solche, die keiner mehr haben wollte. Als ihr Mann Wolfgang vor neun Jahren an Krebs starb, war das eine schreckliche Zäsur in ihrem Leben. Trost und Halt fand sie bei ihren Kindern Angela und Christian und deren Familien - sie ist stolze Oma von zwei Enkelkindern. Doch auch das Engagement für die Vierbeiner half ihr, mit dem Verlust zu leben. Heute ist sie Vorsitzende des Vereins »Hundeleben retten«, der Notfälle aller Art in gute Hände vermittelt.

Fast immer sitzt in Gertrud Hanis gemütlichem Haus neben den eigenen Hunden irgendein »armes Krüstchen«, das auf ein Zuhause für immer hofft. Derzeit ist das die englische Bulldogge Mabel, die zwar überaus charmant ist, sich mit ihrer stürmischen Art aber schon so manche Chance vermasselt hat.

Wenn ein Vierbeiner nichts sieht, nichts hört oder ein anderes Leiden mit sich herumschleppt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Gertrud Hanis sich seiner annimmt. »Ich kann irgendwie nicht anders«, sagt sie und lacht. Wenn es ihr gelingt, einem ihrer Sorgenkinder ein gutes Zuhause zu verschaffen, so ist das immer ein großes Glück. Bereichernd findet sie aber nicht nur die Bekanntschaft all dieser »Hundepersönlichkeiten«, sondern sie schätzt auch die Kontakte, die sich aus dem Engagement für den Tierschutz ergeben. »Ich lerne immer wieder großartige, selbstlose Menschen kennen, dafür bin ich dankbar«, sagt sie. Auch Freundschaften haben sich durch das gemeinsame Ziel schon entwickelt.

Sie selbst ist das beste Beispiel dafür, dass Tier- und Menschenliebe sich wunderbar ergänzen. Niemand muss sich für das eine oder andere entscheiden. Diese Haltung ist offenbar irgendwie genetisch bedingt, denn in der Familie Hanis ist sowohl der Pflegeberuf als auch die Liebe zu allem, was da kreucht und fleucht, weitverbreitet. Ein Lichtblick für Zwei- und Vierbeiner.

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