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Ab Montag unterrichtet Anneki Mütze einige ihrer Lio-Schüler wieder im Präsenzunterricht.

Liebigschule

Präsenzunterricht in Gießen: Rückkehr zum richtigen Zeitpunkt

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Heute beginnt für einige Jahrgänge wieder der Präsenzunterricht an den Schulen. Für Anneki Mütze kommt der Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Denn die Lehrerin der Gießener Liebigschule betont, wie wichtig der direkte soziale Kontakt für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte ist.

Gießen – Anneki Mütze freut sich besonders für ihre Schüler, wenn diese am Montag wieder die Schule besuchen dürfen. »Soziale Kontakte sind hochwichtig«, sagt die 33 Jahre alte Lehrerin, die an der Liebigschule Englisch, Latein sowie Politik und Wirtschaft unterrichtet. »Ich erlebe im Distanzunterricht jeden Tag, wie es Kindern psychisch nicht gut geht und sie ihre Freunde sehen wollen.

Der gemeinsame Beschluss von Bund und Ländern vom 10. Februar sieht vor, dass die Schulen für die Vorklassen, die Vorlaufkurse und die Jahrgangsstufen eins bis sechs in geteilten Klassen ab Montag öffnen. Das Tragen von Masken, regelmäßiges Lüften und Hygienemaßnahmen bleiben weiter unerlässlich. Ebenfalls im Präsenzunterricht sind die Schülerinnen und Schüler an gymnasialen Oberstufen und beruflichen Gymnasien.

Liebigschule in Gießen: Wechselunterricht bedeutet großen Aufwand

Mütze unterrichtet am Gießener Gymnasium unter anderem eine fünfte Klasse in Englisch - aktuell noch digital. »Ich starte morgens mit dem Onlineunterricht und bin während der Schulzeit ansprechbar«, sagt sie. Entweder finden Videokonferenzen mit ihren Schülerinnen und Schülern statt. Oder sie stellt Aufgaben auf der digitalen Schulplattform der Lio ein, die im Laufe des Tages gelöst werden müssen. Nachmittags prüft Mütze, ob die Übungen abgegeben wurden - und gibt den Schülerinnen und Schülern ein Feedback. »Das ist aufwendiger als im Präsenzunterricht.«

Dass ab Montag alles leichter wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Der Digitalunterricht bleibt ja trotzdem erhalten. »Dann gebe ich meinen Fünfern in den ersten beiden Stunden Unterricht und fahre dann schnell nach Hause, um dort digital weiterzumachen«, erzählt sie. Auch der Organisationsaufwand bleibt: Die Lehrerin muss ihre fünfte Klasse in eine A- und B-Gruppe zu teilen. Diese werden dann im wöchentlichen Wechsel an der Lio unterrichtet. »Es wurde auch diskutiert, die beiden Gruppen tageweise zu wechseln«, sagt Mütze. Aber bei der Umfrage unter Eltern und Lehrkräften habe es dafür keine Mehrheit gegeben.

Die Mischung der Gruppen wird nicht nach dem Zufallsprinzip entschieden. Zum einen fragen sich die Lehrkräfte, welche Schülerinnen und Schüler miteinander harmonieren. Außerdem werden die Wünsche der Kinder und Jugendlichen sowie der Eltern berücksichtigt. Von die Lehrkräfte bedeutet diese Art des Unterrichts einen Spagat: Die eine Gruppe wird live im Klassenzimmer unterrichtet. Die andere muss zeitgleich online Übungsaufgaben lösen, die Mütze später korrigiert. »Wenn ich im Präsenzunterricht bin, kann ich nicht gleichzeitig Videokonferenzen geben«, sagt sie.

Lehrerin aus Gießen: Zwiespältiges Fazit für Homeschooling

Die Lehrerin betont, dass das Kollegium sein Bestes tue, um das Lernen für die Kinder so angenehm und effektiv wie möglich zu gestalten. »Aber wir sind an Rahmenbedingungen gebunden«, betont Mütze. Dazu gehört zum Beispiel die ausbaufähige technische Infrastruktur in den Schulen. Schulleiter Dirk Hölscher hatte gegenüber dieser Zeitung auf das Fehlen von WLAN und Glasfasernetz hingewiesen. Wie andere Lehrkräfte auch, hat Mütze sich privat einen neuen Laptop und ein Tablet gekauft. »Die Schulleitung unterstützt uns dabei, das Machbare umzusetzen«, sagt sie und betont nach einer kurzen Pause: »Es wird immer viel über Lehrer geschimpft. Dabei geben wir uns viel Mühe und betreiben einen hohen organisatorischen Aufwand.«

Langfristig planen ist ein Luxus, den sich Schulen in der Pandemie schwer leisten können. Die Bestimmungen können sich ja schnell ändern. Fragt man Mütze dennoch nach einer Art Fazit für den Digitalunterricht, spricht sie von einem »lachenden und weinenden Auge«. Auf der einen Seite hätten sich ihre Schüler und sie weiterentwickelt. »Als meine Fünfer im Herbst begonnen haben, wussten manche nicht, was das Internet ist.« In einem Crashkurs brachten ihnen die Lehrkräfte die Grundlagen bei. »Ich bin stolz, dass sie das so schnell geschafft haben«, sagt Mütze. Einige betont sie, seien auch selbstständiger geworden.

Gießener Schulen als wichtiger sozialer Treffpunkt

Aber auf der anderen Seite gebe es Kinder, die mehr Unterstützung brauchten. »Familien leisten unheimlich viel und fangen einiges auf«, betont Mütze. Aber manchmal sei dies in manchen Haushalten nicht möglich. Die Lehrkräfte indes stecken in einem Dilemma: »Wir drehen Lernvideos, halten den Kontakt, aber das persönliche Miteinander fehlt.«

Die Pandemie hat viele Dinge aufgezeigt. Aber besonders deutlich geworden ist, dass Schule eben mehr ist als nur ein Ort zum Pauken. Es ist dazu noch ein wichtiger sozialer Treffpunkt.

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