Seit einem Jahr gehört Stand-up-Paddling zum Angebot.
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Seit einem Jahr gehört Stand-up-Paddling zum Angebot.

Als Rudern demokratisch wurde

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Gießen(kw). Rudern war ein akademisch geprägter Sport. Nun drängten auch Arbeiter und Handwerker auf die Lahn, doch in den Traditionsvereinen waren sie nicht vorbehaltlos willkommen. Das war vermutlich der Hintergrund der Gründung des Wassersportvereins Hellas durch sieben Männer im September 1920. Sein 100-jähriges Jubiläum feiert der Verein mit einer Reihe von Veranstaltungen. Er ist stolz auf seine demokratische Tradition und ein vielfältiges Vereinsleben, das den Mitgliedern ein Stück Heimat sein will.

Langer Kampf um Gelände und Boote

Warum die Gründer um den ersten Vorsitzenden Heinrich Baumann den Namen Hellas wählten, ist unklar. Möglicherweise bezogen sie sich auf olympische Ideale oder die Einheit der alten Griechen. In den schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg bauten die Gießener ihren Verein aus eigener Kraft auf - "mit handwerklichem Können, enormem Fleiß, Willen und Hingabe", heißt es in der Festschrift. Weitblick bewiesen sie mit dem Kauf des Geländes, auf dem "die Hellas" bis heute zu Hause ist, eine einstige "Hofreite an der Lahn, unweit des Schäferbrunnens". Aus einer gepachteten Eishalle wurde ein Bootshaus.

Das erste Boot, 1921 erworben, trug den Namen "Theo". 1922 nahmen erstmals Hellas-Ruderer an einer Regatta in Frankfurt teil.

Der Arbeiterverein galt als links. Kurz nach der Machtübernahme erzwangen die Nationalsozialisten 1933 die "Selbstauflösung". Ein schwarz uniformierter Gestapo-Mann soll eine Pistole auf den Tisch gelegt und so seiner Forderung Nachdruck verliehen haben. Die Boote wurden an andere Vereine übergeben, das Gelände an die "Hitlerjugend".

1947 versammelten sich ehemalige Sportfreunde zwecks Wiederaufnahme des Vereinslebens. Mit Durchhaltevermögen kämpften sie jahrelang um ihr verlorenes Gut. 1953 nahmen erstmals nach dem Krieg Hellas-Ruderer an der Pfingstregatta teil. Die Zusammenarbeit mit den älteren Gießener Ruderclubs wurde enger. Allerdings schloss noch 1954 die "Hassia" einen Mann aus, weil der wiederholt auf dem "Hellas"-Gelände gesehen worden sei.

Der Wiederaufbau erforderte die solidarische Mitarbeit der damals rund 85 Mitglieder. Möglich machte es eine starke Verbundenheit, die damals in vielen Vereinen herrschte. Ältere Mitglieder erinnern sich wehmütig an die "Hellas-Familie". Kinder aus benachteiligten Verhältnissen fanden dort nicht nur sportliche und soziale Entwicklungschancen, auch für manche hungrigen Mägen erwies sich das Aufwachsen im Verein als Segen.

Tausende von Arbeitsstunden leisteten fleißige Hände immer wieder bei Baumaßnahmen am Bootshaus, an den Außenanlagen und an der Gaststätte. Die wird seit 1987 von Pächterin Maria Penavic geführt. Dank ihr verbinden viele Gießener mit den Namen "Hellas" vor allem gutes Essen.

Seniorinnen berichten, dass Frauen einst nur fürs ästhetische "Stilrudern" ins Boot steigen durften. 1973 entstand erstmals ein Stammtisch für weibliche Mitglieder, 16 Jahre nach Gründung des rein männlich besetzten Stammtischs "Einigkeit".

Der familiäre Ansatz sorgte früh für eine Erweiterung des sportlichen Angebots. Ab 1958 bot der Verein Waldläufe und Gymnastik an. Das Wanderrudern wird seit 1977 betrieben. In der Halle der Sandfeldschule versammeln sich Breitensportgruppen vom Kinderturnen bis zum Sportabzeichentraining. Auf dem Wasser feiern mittlerweile nicht nur die Ruderer, sondern auch Paddler im Drachenboot Erfolge. Mit dem Stand-up-Paddling kam im vergangenen Jahr eine Trendsportart hinzu.

Aufwachsen in der "Hellas-Familie"

Mit rund 270 Mitgliedern feiert ein gesunder Verein sein Jubiläum. Die Festschrift verschweigt indes nicht, dass es auch für den WSV Hellas schwieriger geworden ist, Vorstandsposten zu besetzen. Manche Mitglieder betrachteten einen Verein als "Dienstleister", berufliche Anforderungen lassen wenig Zeit fürs Ehrenamt, Jugendliche haben unzählige Freizeitmöglichkeiten. Der Verein wirbt für sich durch Kooperationen mit Schulen und Hochschulsport sowie durch die Teilnahme an der städtischen Ferienaktion, am Nordstadtfest oder an "Sport in der City".

Wer den Weg zum Verein gefunden hat, kann durch eine funktionierende Gemeinschaft bei der Stange gehalten werden, so die Überzeugung der Verantwortlichen. Nicht nur Kinder finden beim WSV Hellas "knappe Güter" wie Gespräche, Freundschaft und Erfahrungen mit dem Abenteuer Sport.

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