Rosinchen picken

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Du musst dir an jedem Tag ein Rosinchen picken«, sagte meine Mutter gerne. Menschen, die erzählten, wie beschwerlich und einsam ihr Tag ist, gab sie diesen Satz mit auf den Weg.

Rosinen »herauspicken« hat keinen guten Klang. Doch alle spürten, dass meine Mutter an die ganz kleinen Dingen dachte, an denen sie sich erfreuen konnte. Ein gutes Essen, eine liebevolle Karte oder ein Wiesenblumenstrauß machten sie glücklich. Es waren Lichtblicke, die ihr bis ins hohe Alter halfen, Schwieriges und Schweres in ihrem Leben meistern zu können.

Diese Fähigkeit haben auch viele Patienten, die ich in der Klinik besuche: Häufig sind sie in Angst und Sorge wie ihr Weg weitergehen wird. Kann die Operation noch helfen, wird die Chemo anschlagen, werden die Schmerzen nachlassen? Und zugleich höre ich auch von der Freude über den Enkel, der anruft und davon, wie die Familie jetzt zusammenhält. Kleine Lichtblicke, die viel verändern und Mut und Kraft schenken.

Jetzt im Krankenhaus sein zu müssen ist doppelt schwer. Das Besuchsverbot belastet alle zusätzlich. Für so manchen werden da die Mitarbeitenden im Haus zu einem echten Lichtblick: die lächelnde Pflegekraft, der Physiotherapeut, der ein Ohr für meine Not hat, die Reinigungskraft mit ihren freundlichen Worten, der Arzt, der sich heute mehr Zeit nimmt… Das geschieht trotz großer Belastungen. Das spüren Patienten dankbar. In einem Gedicht von Mascha Kaléko heißt es: »Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond«.

In der Adventszeit erinnern wir uns daran, dass seit jenem ersten Weihnachten Licht vom Himmel strahlt. Gott ruft uns zu: »Fürchtet euch nicht, ich bin da! Ich will euch Mut geben, der ein wenig größer ist als eure Angst.« Das geschieht nicht in einem großen Eingreifen, das wir uns so sehr wünschen, aber immer wieder im Handeln anderer Menschen, die mir zum Lichtblick werden. Pfarrerin Eva Lorenz

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