Ronnie Martin hat auch schwere Zeiten durchgemacht. Dadurch wurden aber auch positive DInge angestoßen. FOTO: SCHEPP
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Ronnie Martin hat auch schwere Zeiten durchgemacht. Dadurch wurden aber auch positive DInge angestoßen. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Ronnie Martin: Gießener als Gestalter stark gefragt

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Ronnie Martin ist ein gefragter Mann, wenn es um Designfragen geht. Der 42-Jährige hat schon etliche Gießener Geschäfte und Wohnungen gestaltet. Ein Porträt.

Schrott, Bauschutt, Sperrmüll, Abwasser: Schon seit jeher ist die Gegend rund um die Lahnstraße von Dingen geprägt, die die Menschen nicht mehr haben wollen. Inmitten dieses Areals stapft Ronnie Martin durch den Schnee. Sein Ziel liegt auf einem Hinterhof . Zweimal links, dann steht er vor einem eisernen Tor. Martin fischt den Schlüsselbund hervor und schließt auf.

"Das ist mein neuestes Projekt", sagt der Gießener und präsentiert einen schlauchförmigen Raum, der mit Möbelstücken und Wohnaccessoires gefüllt ist. Hier im Hüttenweg, zwischen Wertstoffhof und Kläranlage, hat Martin zusammen mit seinem Geschäftspartner Oliver Goller die Galerie "Design.Total." geschaffen, in der sie Designklassiker und Prototypen präsentieren. Letztere hat Martin selbst gefertigt. Eine Leidenschaft, die ihn seit seiner Kindheit begleitet.

Wenn Gießener Geschäftsleute in ihren Läden kein 0815-Interieur haben wollen, rufen sie oft bei Martin an. Der Objektdesigner hat schon Tom&Sallys, den Coffee-Bay-Filialen sowie dem Shepherds im Neuenweg zu individuellem Stil verholfen. Teils alleine, teils in Zusammenarbeit mit den Gießener Innenarchitekten von Jung & Klemke. Auch international sind Martins Arbeiten gefragt, so hat er beispielsweise Läden und Messestädte für den Sofa-Hersteller Bretz entworfen und umgesetzt.

Aufgewachsen ist Martin in Welkers, einem 1000-Einwohner-Ort in der Nähe von Fulda. Seine Eltern, beide Lehrer, ließen dem Sohn die Freiheit, die Dorfkinder der 80er vielerorts genossen. "Ich war mit meinem Freunden immer viel draußen. Nach Hause musste ich erst, wenn die Straßenlaternen angingen."

Dinge auseinander- und wieder zusammenzubauen, habe er schon als kleiner Junge geliebt, sagt Martin. Vor allem an Fahrrädern habe er herumgeschraubt. Seine Leidenschaft fürs Mountainbiken ging so weit, dass er bereits mit 16 Jahren einen eigenen Laden eröffnete. "Ich habe Custombikes verkauft. Die Kunden konnten sich von der Speiche bis zu den Bremsbacken alles selber zusammenstellen. Ich habe es dann zusammengebaut." Es lag also nahe, dass Martin einen handwerklichen Beruf erlernen wollte. Und indirekt ist es den Fahrrädern auch zu verdanken, dass der Wirkungskreis des 42-Jährigen seit 20 Jahren in Gießen liegt.

Nach seiner Ausbildung in der Metallverarbeitung ging Martin nach Gießen, um hier Maschinenbau zu studieren. "Gießen war nicht weit weg. Ich dachte, so könnte ich weiterhin meinen Laden betreiben." Mit der Zeit schlief die Sache jedoch ein. "Mir fehlte einfach die Zeit", sagt Martin rückblickend. Das gilt nicht nur für das Fahrradgeschäft.

Martin sagt von sich, seinen beruflichen Werdegang sehr geradlinig vorangetrieben zu haben. So sei beispielsweise seine Ausbildung dank guter Leistungen stark verkürzt worden. Dann, während des Studiums in Gießens, stockte es jedoch. Und das aus mehreren Gründen. "Das Studium war festgelegt. Die Materie sehr trocken und theoretisch, es gab kaum Freiraum für Kreativität." Martin will sich aber auch nicht herausreden: Das Studium ist nicht nur beruflich gesehen eine Orientierungsphase. Die mit Kneipen gespickte Studentenstadt kann verlockend sein. Vor allem aber war es die Arbeit, die dazu führte, dass Martin eher selten in den Vorlesungen anzutreffen war.

Schon in seiner Anfangszeit in Gießen fing Martin an, selbstständig als Subunternehmer im Messebau zu arbeiten. Und das nicht nur in Deutschland. "Zu Hochzeiten waren es bis zu 180 Auslandstage im Jahr", sagt der 42-Jährige. Mit der Zeit konnte er hier auch jene Kreativität ausleben, die er im Studium so vermisste. Vor allem bei Events der Modebranche. Martin hat zum Beispiel für die Eventreihe "Bread &B utter" in Berlin und Barcelona gearbeitet, seine Werke waren auch in der "Modefabriek" in Amsterdam zu sehen. "Diese berufliche Zeit im Ausland war für mich sehr prägend", sagt Martin. Nicht nur mit Blick auf Design, sondern auch in Sachen Musik.

In dem schlauchförmigen Showroom, in dem Martin gerade sitzt, stehen auch einige Schallplattenspieler. Daneben stapeln sich die Platten. "Ich interessiere mich sehr für Musik und habe schon früh damit angefangen, Platten zu sammeln." Gießener, denen Partyreihen wie "JazzYourAzz", "Soulkitchen" oder "Soulsafari" etwas sagen, dürfte der Name Ronnie Martin daher auch abseits des Möbelkosmos ein Begriff sein. Der Gießener hat bei diesen Events nicht nur aufgelegt, er war auch Mitinitiator der Partys, die auch in Frankfurt, Fulda, Köln und Berlin gefeiert wurden.

Martin betont, dass sein Herz an hochwertiger Musik hänge, und er daher ziemlich schnell bei Werken aus den 50er und 60er Jahren gelandet sei. Jazz, Soul, Latin, solche Sachen. "Damals ist aber nicht nur musikalisch viel passiert", betont er. Durch den Beginn der industriellen Fertigung von Möbelstücken sei jene Zeit auch mit Blick auf Design stilprägend gewesen.

Arbeit mit Metall und Holz

Angefangen und gelernt hat Martin mit Metall. Mit der Zeit hat er sich aber einen exzellenten Ruf mit der Materie Holz erworben. Auch hierfür waren seine Auslandseinsätze verantwortlich. "Ab 2007 habe ich regelmäßig in England gearbeitet und dort Holzhäuser aufgebaut." Eine tolle Zeit, wie Martin betont, vor allem, da er viele unterschiedliche Gewerke kennenlernen durfte. "Am meisten", sagt der Gießener, "hat mich aber das Thema Holz interessiert."

Das ist jetzt gut 15 Jahre her. Seither hat sich Martin auf die Fertigung von Möbeln und Einrichtungen spezialisiert. "Ich bin mir immer treu geblieben und habe gemacht, worauf ich Lust hatte." Die Ergebnisse seines Schaffens sind seit diesem Sommer im Hüttenweg zu sehen. "Das Projekt freut mich sehr, weil ich auch meine eigenen Entwürfe zeigen kann." Es ist noch gar nicht lange her, da war an solch ein Projekt nicht einmal zu denken.

Vor drei Jahren hatte Martin ein Erlebnis, das ihn gehörig aus der Bahn warf. In der Nacht des 3. August 2017 wurden er und seine Lebensgefährtin durch einen lauten Knall aus dem Bett gerissen. Die beiden wohnten in dem Haus in der Grünberger Straße, das durch die Explosion einer integrierten Shisha-Bar zerstört worden ist. "Ich spüre den Knall immer noch", sagt Martin und erzählt, dass ihm vor allem die Flucht durch das verrauchte und mit Scherben übersäte Treppenhaus lange Zeit beschäftigt habe.

Doch die schwere Zeit hatte auch etwas Gutes. Martin lebt heute bewusster, versucht mehr Zeit mit seinen beiden Söhnen aus einer vorherigen Beziehung zu verbringen, er steigt wieder öfter auf das Fahrrad und sucht die Nähe zur Natur. "Ich überlege stärker, was ich mir zumuten kann", sagt der Gießener. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Ich musste feststellen, dass ich nicht unverwundbar bin."

Auch beruflich hat die schwere Zeit Positives bewirkt. "So etwas hier", sagt Martin und blickt sich in seiner Galerie um, "hätte ich früher niemals angestoßen. Dafür war einfach keine Zeit." Jetzt nimmt er sich sie.

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