Roman legt ein Stück deutscher Geschichte frei

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Gießen(pm). Es sind die Geschichten hinter der Geschichte, die Irrungen und Wirrungen hinter den Werken, die den Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Carsten Gansel, Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität, interessieren. Manch literarischen Schatz hat er bereits geborgen. Jetzt ist es ihm erneut gelungen, ein großes Manuskript aufzuspüren: Gerhard Sawatzkys Gesellschaftsroman "Wir selbst" erzählt von der "Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" und damit von einer untergegangenen Welt.

Der im Jahr 1938 druckfertige, aber von Stalin verbotene und vernichtete Roman über die Russlanddeutschen war jahrzehntelang verschollen. Prof. Gansel macht als Herausgeber das Epos erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich und ordnet dessen Bedeutung kulturhistorisch ein.

Das Buch "Wir selbst" ist dieser Tage im Verlag Galiani Berlin, ergänzt mit einem Nachwort von Carsten Gansel und mit dokumentarischem Material zur deutschen Wolgarepublik und ihrer Literatur.

"Ich halte es für eine grundsätzliche Aufgabe von Literaturwissenschaft, das Gedächtnis zu bewahren und sich auch nicht von Gegenstimmen, die es hier wie da gibt, abhalten zu lassen", sagt Gansel. Dass er bei seinen Recherchen erneut auf einen Schatz gestoßen ist, freut ihn besonders. "Der Roman gilt als der wichtigste Text der russlanddeutschen Literatur. Es ist ein Text, der zum kulturellen Gedächtnis gehört, und dies stark zu machen, das scheint mir wichtig", betont der Gießener Literaturwissenschaftler und Herausgeber.

Die "Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" wurde 1918 - unter anderem auf Betreiben Ernst Reuters - gegründet und erfuhr bis zu ihrem Ende 1941 ein wechselvolles Schicksal. Autor Gerhard Sawatzky (1901 bis 1944) arbeitete nach seinem Studium in Leningrad zuerst als Lehrer, dann als Journalist und Autor in der wolgadeutschen Republik und gilt heute als wichtigster Literat der Wolgadeutschen. 1938 wurde er vom NKWD verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Er starb 1944 im Gulag in Solikamsk in Sibirien.

Sein wichtiges Werk "Wir selbst", vollendet 1937, wurde verboten und vernichtet. Doch Sawatzkys Witwe gelang es, das Urmanuskript bei der Deportation nach Sibirien zu retten. In einer deutschsprachigen Zeitschrift in der Sowjetunion wurden - allerdings bearbeitet und verändert - in den 1980er Jahren Teile des Buches abgedruckt. Prof. Gansel hat nun das Urmanuskript in Russland aufgespürt.

"Schatzgräber" in Sachen Literatur

"Wir selbst" erzählt in häufigen Szenenwechseln zwischen Land und Stadt aus der Zeit zwischen 1920 bis 1937 vor allem von einem jungen Liebespaar: Elly Kraus, der Tochter einer Fabrikantenfamilie, die als Kind auf der Flucht vor der Roten Armee allein in Russland zurückblieb, und Heinrich Kempel, dessen Kindheit auf dem Land während des Krieges von Hunger und Entbehrung geprägt ist und der schließlich Ingenieur wird.

Gansel ist seit 1995 Professor für Neuere deutsche Literatur- und Germanistische Mediendidaktik an der JLU und beweist mit seinem Team immer wieder einen besonderen literarischen Spürsinn. 2016 hat der Literaturwissenschaftler mit dem von ihm herausgegebenen Band "Durchbruch bei Stalingrad" für Furore gesorgt. Es war ihm gelungen, die 1949 vom russischen Geheimdienst konfiszierte Urfassung des Antikriegsromans von Heinrich Gerlach in russischen Archiven wiederzufinden. Ein Jahr später gab er Heinrich Gerlachs "Odyssee in Rot" heraus. Im Sommer 2016 erschien die Originalfassung des Weltbestsellers "Kleiner Mann - was nun?" von Hans Fallada mit einem ausführlichen Nachwort von Prof. Gansel. An der Entdeckung des Originalmanuskripts hatte der Gießener Literaturwissenschaftler maßgeblichen Anteil. FOTO: ARCHIV

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