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Mensch, Gießen

Roman Kurtz: In Gießen am richtigen Ort

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Roman Kurtz prägt das kulturelle Leben der Stadt Gießen seit über 20 Jahren - als Schauspieler, Regisseur und Sprecher am Theater lässt er Zuschauer in andere Welten abtauchen.

Ein Spaziergang durch das multikulturelle Viertel Kensington Market. Vielleicht mit einer Portion gebratener Nudeln in der Hand aus dem farbenfrohen Chinatown. In der nahe gelegenen Roy Thomson Hall lassen die Symphoniker derweil den passenden Soundtrack erklingen. Und über den Dächern der Stadt ragt der CN Tower hervor. Als Roman Kurtz vor über 30 Jahren für ein Jahr in Toronto lebte, war der imposante Fernsehturm noch das höchste frei stehende Bauwerk der Welt. Es sind aber nicht die Wahrzeichen und Sehenswürdigkeiten, die Kurtz beim Gedanken an die kanadische Metropole Schwärmen lassen. Sondern die Menschen. "Die Kanadier sind mir wahnsinnig offen und interessiert begegnet. Außerdem identifizieren sie sich als multikulturelle Gesellschaft. Sie akzeptieren, dass sie viele Identitäten haben."

Womöglich gefällt dieser Umstand Kurtz so gut, weil er auch auf ihn zutrifft. Er war schon König Richard III., Prinz Friedrich von Homburg, Othello, Professor Higgins und so vieles mehr. Seit 20 Jahren schlüpft Kurtz am Stadttheater in verschiedenste Rollen. Fünf Stücke hat er in der Zeit auch selbst inszeniert. Dank seiner markanten Stimme ist er zudem nicht nur als Erzähler gefragt, sondern auch als Sprecher bei Lesungen und in Hörspielen. Kurzum: Kurtz hat aus den kreativen Möglichkeiten, die ihm Gießen geboten hat, das Beste herausgepresst. Dass er sich heute in dieser komfortablen Situation befindet und als Schauspieler seine Leidenschaft ausleben kann, hat er nicht nur einer mutigen Entscheidungen zu verdanken, sondern auch einer glücklichen Fügung.

Kurtz ist in Aachen geboren, kurz vor seiner Einschulung zog die Familie aber nach Frechen vor den Toren Kölns. Während sich die Mutter zu Hause um die drei Söhne kümmerte, verdiente der Vater sein Geld als Ingenieur im Braunkohletagebau. "Heute ist das zu Recht verpönt, früher war das aber kaum ein Thema", sagt Kurtz. Nach dem Abitur zog es ihn dann in die Großstadt, in Köln studierte er romanische und englische Philologie auf Lehramt. "Ich wollte ein guter Lehrer werden, weil ich in meinem Leben so viele schlechte kennengelernt hatte." Kurtz muss bei dem Gedanken schmunzeln. "Vor einer Gruppe von Menschen stehen und performen, das war schon immer meins."

In die Zeit seines Studiums fiel auch sein Aufenthalt in Toronto, in Paris verbrachte er ebenfalls ein Auslandsjahr, das ihm aber weit weniger gefiel. Klar: Paris ist eine tolle Stadt mit beeindruckenden Museen. Die Arbeit als deutscher Aushilfslehrer war jedoch inhaltlich nicht sehr anspruchsvoll. Außerdem wurde Kurtz mit den Franzosen nicht so warm. "Im Gegensatz zu den Kanadiern waren sie eher verschlossen und interessierten sich nicht wirklich für einen." Und so führte der Gießener in Paris ein eher einsames Leben.

Als Student in Theatergruppe

Beide Auslandsaufenthalte, so diametral sie auch verliefen, spielen in Kurtz’ Leben eine besondere Rolle. Das für seinen weiteren Weg prägendste Erlebnis spielte sich jedoch an einem profaneren Ort ab. Kurz nach seiner Rückkehr aus Frankreich wurde Kurtz in der Kölner Uni-Cafeteria von Kommilitonen angesprochen. Ob er als Anglistikstudent nicht Lust hätte, in der Theatergruppe mitzuwirken. Schließlich stünden Shakespeare-Stücke im Original auf dem Spielplan. "Ich habe gleich zugesagt. Schließlich ist Shakespeare der größte Dramatiker, den ich kenne." So begab sich Kurtz auf die Bühne. Und verliebte sich.

Kurtz kann nicht konkret benennen, warum er von der Schauspielerei auf Anhieb so begeistert war. "Es ist, wie wenn man sich verliebt. Man kann auch nicht genau spezifizieren, was einem an einer Frau so fasziniert." Trotzdem versucht sich Kurtz an einer Erklärung. Ein Grund sei die Möglichkeit, sich zu verwandeln, in sich zu gehen und dabei Dinge zu finden, die eine Rolle ausfüllen können. Gleichzeitig müsse man die Imagination aktivieren - nicht nur die der Zuschauer, sondern auch die eigene.

Die studentische Theatergruppe machte schnell auf sich aufmerksam. Das lag auch an ihrer Gründerin Karin Beiers, die heute als Intendantin am Hamburger Schauspielhaus arbeitet. "Wir haben jedes Semester ein Shakespeare-Stück im Original aufgeführt. Es war fantastisch", sagt Kurtz. Doch nach dreieinhalb Jahren trennten sich die Wege des Ensembles. Beiers ging als Regieassistentin an das Düsseldorfer Schauspielhaus, viele andere Mitglieder versuchten ihr Glück an Schauspielschulen. Und Kurtz? Der konzentrierte sich zunächst auf sein Studium. "Ich war noch nicht bereit für den Schritt", sagt er heute. Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, dass der Klassenraum die falsche Bühne für ihn war. Als die fertige Dissertation vor ihm auf dem Tisch lag, fiel bei ihm der Groschen. "In dem Moment wusste ich, dass ich nicht als Uni-Lehrer oder Forscher arbeiten wollte. Ich wollte schauspielern." Und so tingelte der frischgebackene Dr. Phil über die kleinen Bühnen im Kölner Umland. Eine karge Zeit mit wenig Lohn, den ab und zu das Arbeitsamt aufstocken musste. Trotzdem zweifelte Kurtz nicht an seiner Entscheidung. Und wurde für seinen Mut belohnt. Eines Tages, nach einem Auftritt auf einer kleinen privaten Bühne in Münster, sprach ihn ein Vertreter der Künstlervermittlung an, die sonst nur Männer und Frauen mit Schauspielausbildung vertrat. "Er sagte mir, diese Bühne sei zu klein für mich. Ich solle drei Rollen und ein Lied lernen und zum Vorsprechen nach Hamburg kommen." Um es abzukürzen: Kurtz überzeugte, wurde trotz fehlender Schauspielschule in die Kartei aufgenommen und sicherte sich die ersten Rollen an renommierten Schauspielhäusern. Dann erfuhr er, dass in Gießen Schauspieler gesucht wurden. Das war vor 20 Jahren. Seitdem gehört er dem hiesigen Ensemble an.

Köln, Toronto, Paris, zwischendurch Stationen in Hamburg und Düsseldorf. Nimmt man noch die Zeit während des Studiums hinzu, in der er als Roadie für angesehene Jazzbands durch ganz Europa tourte, kommen in Kurtz’ Biografie einige beeindruckende Destinationen zusammen. Die Schönheit der Stadt Gießen wird ihren Besuchern hingegen oftmals erst auf dem zweiten Blick bewusst. Oder dem dritten. Trotzdem fühlte sich Kurtz in der Universitätsstadt von Anfang an wohl. Das hat mehrere Gründe, wie er sagt.

"Ich war zum einen total happy, als Quereinsteiger eine Stelle an einem deutschen Stadttheater bekommen zu haben. Außerdem wurde hier aufregendes Theater gemacht und ich durfte mit den Jahren spannende Aufgaben übernehmen." Kurtz meint damit neben diversen Rollen und Sprechertätigkeiten vor allem seine Tätigkeit als Regisseur. Fünf Stücke hat er bereits auf die Bühne gebracht, darunter auch ein selbst kreiertes Kindertheater, zuletzt war seine Inszenierung "Das Tagebuch der Anne Frank" zu sehen. Gut möglich, dass er für diese Oper den ein oder anderen Rat bei seiner Frau eingeholt hat.

Die Mezzosopranistin Antje Tiné ist wie Kurtz seit 2000 am Stadttheater tätig. Fast genauso lange sind die beiden ein Paar. "Ich empfinde es als ein großes Geschenk, dass wir am selben Theater engagiert sind", sagt Kurtz. Durch die abendlichen Proben und die Auftritte an den Wochenenden sei eine Beziehung mit einer Person, die von 9 bis 17 Uhr arbeite, kaum kompatibel.

Natürlich ist seine Ehe ein triftiger Grund, warum Kurtz nicht mit dem Gedanken spielt, Gießen zu verlassen. Es ist aber auch die künstlerische Freiheit am Stadttheater, die ihn bleiben lässt. "Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl, gefordert und gut aufgehoben." Nach einer kurzen Pause fügt er an: "20 Jahre Gießen hört sich weniger aufregend an als es war."

Toronto ist toll, Paris eine Wahnsinnsstadt, und Köln wird Kurtz immer als seine Heimat empfinden. Trotzdem fühlt er sich in Gießen am richtigen Ort. Weil er weiß, was er an der Stadt hat. Oder, um es mit dem Worten seines Liblingsdramatikers William Shakespeare zu sagen: "Nie glücklich ist, wer ewig dem nachjagt, was er nicht hat - und was er hat, vergisst."

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