Die Angeklagten und ihre Verteidiger beim Prozessauftakt in der Außenstelle "Stolzenmorgen" des Landgerichts. FOTO: SCHEPP
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Die Angeklagten und ihre Verteidiger beim Prozessauftakt in der Außenstelle "Stolzenmorgen" des Landgerichts. FOTO: SCHEPP

Gericht

Rocker-Rivalität: Gießener Urteil nach Angriff auf Shishabar in Offenbach

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Im Prozess um einen Angriff auf eine Shishabar in Offenbach ist am Landgericht Gießen das Urteil gesprochen worden. Für Richter Andreas Wellenkötter bleibt ein schaler Beigeschmack.

Staatsanwalt Rouven Spieler ist bekannt für seine pointierten, aber gleichzeitig augenzwinkernden Plädoyers. Auch in seinem Schlusswort im Prozess um einen Angriff auf eine Shishabar in Offenbach im Jahr 2016 fand er die passenden Worte für am Landgericht Gießen verhandelten Sachverhalt: "Freunden beim Umzug helfen - ja. Freunden beim Auseinandernehmen einer Bar helfen - nein." Und: "Männlichkeit demonstriert man, indem man sich souverän verhält."

Prozess in Gießen: Verwarnungen und Bewährungsstrafe

Die Tat, um die es in der Außenstelle "Stolzenmorgen" einen Monat lang ging, ist bereits vier Jahre her. Den sieben Angeklagten wurde vorgeworfen, als Teil einer 18-köpfigen Gruppe in Offenbach eine Shishabar gestürmt und Gäste attackiert zu haben. Dabei wurde unter anderem ein Mann, dem der Angriff galt, mit einem Messer verletzt. Hintergrund sollen Rivalitäten zwischen der kurdischen rockerähnlichen Gruppe Bahoz, aus deren Umfeld die Männer stammen sollen, und den türkisch-nationalistischen Osmanen Germania sein.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Andreas Wellenkötter sieht es als erwiesen an, dass vier der Angeklagten an dem "überfallartigen Einwirken" auf die Shishabar beteiligt waren. Sie seien zweifelsfrei auf Überwachungsvideos - auch von einem szenekundigen Gießener Polizeibeamten - wiedererkannt worden. Drei von ihnen - zwei 22-Jährige und ein 23-Jähriger - verwarnte das Gericht wegen gefährlicher Körperverletzung und schwerem Landfriedensbruch. Sie müssen jeweils 1500 Euro an die Opferhilfeorganisation Weißer Ring zahlen. Ein 26 Jahre alter Angeklagter wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruch zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt. Zwei 25-jährige Angeklagte sprach das Gericht frei - sie seien auf den Videos nicht zu erkennen gewesen. Auch sei die Aussage des Opfers in diesen beiden Fällen nicht schlüssig gewesen. Das Verfahren gegen den siebten Angeklagten wurde abgetrennt (siehe Kasten).

Die Prozessbeteiligten sind sich einig, dass der Streit um eine Frau Auslöser für die Racheaktion an jenem Juniabend vor vier Jahren war. Das spätere Opfer hatte einen der Angeklagten bei dieser Auseinandersetzung geschlagen. Der Konflikt zwischen Bahoz und den Osmanen habe dabei eine untergeordnete Rolle gespielt, sagte Staatsanwalt Spieler. "Es hätten auch Dortmund- und Schalkefans involviert sein können." Mit organisierter Kriminalität habe die Aktion nichts zu tun gehabt.

Nichtsdestotrotz sei der Angriff auf die Shishabar keine Lappalie gewesen. Das heute 32 Jahre alte Opfer hätte sterben können, wenn einer der Stiche tiefer in den Hals eingedrungen wäre. "Dann hätte man einen Menschen auf dem Gewissen gehabt", betonte der Staatsanwalt, "wegen so einem Kinderkram."

Das Gericht geht davon aus, dass die Racheaktion wohl aus dem Ruder gelaufen ist. Wer mit dem Messer zustach, könne nicht mehr nachvollzogen werden. Außerdem sei der Angriff mittlerweile vier Jahre her, Bahoz sei aufgelöst worden, es bestünden bei den Angeklagten keine schädlichen Neigungen mehr und sie wiesen eine günstige Sozialprognose auf.

Prozess in Gießen: Zwei Angeklagte entschuldigen sich

Der 26 Jahre Angeklagte hatte bereits bei der Polizei umfassend ausgesagt. Während des Prozesses ließen sich außerdem zwei weitere Männer zu den Vorwürfen zum Teil ein. Rechtsanwalt Thorsten Marowsky erklärte, sein 23 Jahre alter Mandant sei ein "Bauernopfer" und "planloser Mitläufer" gewesen. Die Verteidigerin eines 22-jährigen Angeklagten, Dagmar Nautscher, sagte, die Tat sei aus einem "egomanischen Ehrgefühl" heraus entstanden. Nicht ausgesagt hatte der Mandant von Strafverteidiger Alexander Hauer. Im Gegensatz zum Staatsanwalt sah dieser keine objektiven Anhaltspunkte für eine Tatbeteiligung des 22-jährigen Mannes. Deshalb sei sein Mandant freizusprechen. Dieser Einschätzung folgte die Kammer nicht.

Zwei der Angeklagten nutzten die Gelegenheit für ein Schlusswort. Der 23-Jährige sagte: "Es tut mir leid, es kommt nicht wieder vor." Und der Mandant von Nautscher betonte, "ich bin im Leben angekommen und möchte nach vorne schauen". Auch Richter Wellenkötter wollte am Ende noch etwas loswerden. Dass die meisten Angeklagten schwiegen oder nur zum Teil aussagten, sei ihr gutes Recht. Es hätte ihnen aber gut zu Gesicht gestanden, mehr zu sagen. "Es ist nicht der Eindruck entstanden, dass Sie sich von der Tat distanziert haben", betonte Wellenkötter. Und stellte zum Abschluss die rhetorische Frage: "Gibt es den Geist dieser Gruppe doch noch?"

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