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Dr. Roboter assistiert im OP-Saal

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Von: Christine Steines

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Der Chirurg führt am PC Regie, der Assistent mit seinen High-tech-Krakenarmen führt die Anweisungen aus.
Der Chirurg führt am PC Regie, der Assistent mit seinen High-tech-Krakenarmen führt die Anweisungen aus. © Schepp

Im Klinikum wird seit Kurzem mithilfe eines Roboters operiert. Das rund zwei Millionen Euro teure System daVinci sorgt für schonendere Eingriffe und verhilft dem UKGM-Standort zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Die Chirurgen werden aber auch künftig das Skalpell führen. Dr. Roboter bleibt Assistent.

Auf dem großen Monitor erscheint eine Art Hütchenspiel. Mit sicherem Griff umfassen die High-tech-Tentakel winzige Ringe und setzen sie auf bunte Kegel. Zwei Meter entfernt sitzt Prof. Winfried Padberg an der Arbeitskonsole und demonstriert, wie exakt die Präzisionsgeräte arbeiten. Hätte er es nicht mit einem Dummy zur Demonstration, sondern mit einem Patienten zu tun, könnte man sehen: Gefäße und Gewebe werden so exakt dargestellt, wie es beim bisherigen minimalinvasiven Eingriff nicht möglich wäre, die Schnitte sind schonender, der Blutverlust geringer. Dass dies nicht nur virtuell, sondern tatsächlich funktioniert, bestätigt Elisabeth Strähl. Der 70-jährigen Patientin wurde vor zwölf Tagen ein Stück ihres Darms entfernt - von Padberg und seinem neuen Roboter-Assistenten. Sie konnte das Krankenhaus nach fünf Tagen verlassen, die Wundheilung ist optimal. »Eine großartige Sache«, sagt sie und strahlt.

Am Universitätsklinikum arbeiten seit Kurzem drei Kliniken mit der modernen Technik: Die Urologie (Prof. Florian Wagenlehner), die Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Kinderchirurgie (Prof. Winfried Padberg) und die Klinik für Frauenheilkunde (Prof. Ivo Meinhold-Heerlein). Zu den Eingriffen, bei denen das System vor allem eingesetzt wird, zählen Prostata- und Nierenkrebs, Dickdarm- und Enddarmentfernungen sowie gynäkologische Krebserkrankungen. Das Robotersystem erlaubt dem Chirurgen ein dreidimensionales Bild des Operationsfeldes, bisher kaum wahrnehmbare Details werden sichtbar. Ermöglicht wird dies von einer hochauflösenden Kamera mit zehnfacher Vergrößerung. Die gelenkigen Roboterarme können zudem in Winkel vordringen, die bisher für den Operateur nahezu unzugänglich waren. Das System funktioniert wie eine Art Übersetzer, der die Bewegungen des Chirurgen feiner und präziser werden lässt. Händezittern und Ermüdungserscheinungen des Operateurs werden ausgeglichen. Überall dort, wo man per Laparoskopie operiert, ist der Roboter gefragt. Die »Schlüssellochchirurgie« war in den 80er Jahren ein wichtiger Meilenstein. Der Roboter ist eine technische und digitale Verfeinerung dieses Verfahrens. Entwickelt wurde das System in den USA. Die Ursprünge gehen zurück in die 90er Jahre. Zu Zeiten des Irakkriegs entstand der Wunsch, verletzte Soldaten aus der Entfernung operieren zu können. Die Idee wurde so nicht umgesetzt, aber sie war die Initialzündung für die Entwicklung der OP-Roboter. Bereits jetzt werde an der Fortentwicklung des jetzigen Standards gearbeitet, schilderten die Chirurgen.

Nachteile der Roboter-Chirurgie sind die hohen Kosten für Anschaffung und Wartung. Zudem dauert der Eingriff etwas länger, weil der Roboter zu Beginn jeder OP vorbereitet und angedockt werden muss. Ein Nachteil ist auch die fehlende Haptik: Der Arzt fühlt nicht wie bisher das Material und Gewebe.

In Marburg und auch in Frankfurt gibt es schon seit Längerem da-Vinci-Robotersysteme. Die Gießener sind nun stolz darauf, das neueste Modell mit modernster Technik zu haben. Bisher hat man etwa ein Dutzend Mal mit Computerassistenz operiert. Padberg rechnet damit, dass es im nächsten Jahr 200 bis 300 Operationen sein werden.

Für den neuen, raumgreifenden Kollegen wird derzeit ein großer OP-Saal hergerichtet. Finanziert wurde das rund zwei Millionen teure Gerät auch mit Landesmitteln, denn der Roboter wird auch in der Lehre eingesetzt. Auch angehende Ärzte werden mit der zukunftsweisenden Technik vertraut gemacht.

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