Risiko rund um Versteigerungen wurde zu groß

Gießen (kw). Wirtschaftlich gewackelt hatte der Laden schon länger, eine Schirmmütze brachte schließlich das Aus. Eine Fälschung sei das Stück, das die Lebenshilfe-Kreisvereinigung über ihren "Internet-Auktions-Service" (IAS) angeboten und längst an einen Kunden verschickt hatte: Das behauptete die Herstellerfirma in einer Abmahnung, in der von einem Streitwert von 50 000 Euro und rund 1500 Euro sofort zu zahlenden Gebühren die Rede war.

Gießen (kw). Wirtschaftlich gewackelt hatte der Laden schon länger, eine Schirmmütze brachte schließlich das Aus. Eine Fälschung sei das Stück, das die Lebenshilfe-Kreisvereinigung über ihren "Internet-Auktions-Service" (IAS) angeboten und längst an einen Kunden verschickt hatte: Das behauptete die Herstellerfirma in einer Abmahnung, in der von einem Streitwert von 50 000 Euro und rund 1500 Euro sofort zu zahlenden Gebühren die Rede war. "Das Risiko ist einfach zu groß geworden", erklärte auf AZ-Anfrage der zuständige Bereichsleiter Hanno Sprösser, warum das Geschäft in der Neustadt nun schließen musste. Das sei "äußerst bedauerlich" nicht nur für die Menschen mit Behinderung, die dort arbeiteten.

Auch eine Reihe von Kunden seien in den letzten Tagen gekommen, um eigens Abschied zu nehmen von dem Laden und seinen Mitarbeitern. Die bis dato "niedrigschwelligste" Innenstadt-Einrichtung der Lebenshilfe-Kreisvereinigung sei in den vier Jahren ihres Bestehens "für einen bestimmten Personenkreis eine kleine Institution geworden", so Sprösser. Zugleich räumt er offen ein, dass er sich mehr Nutzer gewünscht hätte.

Nach wie vor ist der Leiter der Reha-Werkstatt Gießen-Mitte überzeugt: "Die Idee war toll." Gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte der Verein mit der Verbindung aus IAS-Dienstleistung und Ladengeschäft. In den ansprechend eingerichteten Verkaufsräumen fanden sechs Menschen Beschäftigung, vier davon mit Behinderung. "Der Job war etwas Besonderes wegen des engen Kundenkontakts", so Sprösser. Für die Mitarbeiter habe man nun andere Beschäftigungsmöglichkeiten gefunden.

Direkt verkauft wurden in dem Innenstadt-Geschäft Produkte aus den Reha-Werkstätten, etwa individuell farbenfroh bemalte Seidentücher. Außerdem konnte man Bücher, Geschirr oder schöne Kleinigkeiten erwerben, die aus zweiter Hand stammten. So gab es Kunden, die immer wieder in diesem besonderen Warenangebot stöberten, und solche, die es mit eigenen ausrangierten Gegenständen bereicherten. "Manche Leute haben uns Sachen zum Versteigern oder Verkaufen geschenkt", erinnert sich der Bereichsleiter an "viele schöne Kontakte".

Andere nützten dankbar die Möglichkeit, ihre gebrauchten Sachen gegen eine Gebühr über das Internet verkaufen zu lassen, zum Beispiel weil sie selbst keinen Computer besitzen, sich nicht stundenlang auf den Flohmarkt stellen oder Kleinanzeigen aufgeben möchten.

Allerdings habe sich bald herausgestellt, dass die Online-Versteigerungen für kleine gewerbliche Anbieter ihre Tücken haben. Während Plattformen wie Ebay Privatleute besonders schützten und den Groß-Verkäufern Preisnachlässe gewährten, habe die Lebenshilfe für ihre "vielleicht 30, 40 Auktionen im Monat" stets die vollen Gebühren bezahlt. Hinzu kamen rechtliche Probleme. Schon kurz nach der IAS-Eröffnung im Sommer 2004 entschied der Bundesgerichtshof, dass gewerbliche Anbieter dem Käufer ein Widerrufsrecht einräumen müssen. Manchmal sei etwas nach Wochen zurückgeschickt worden; im Extremfall fehlten einige Teile, die offenbar für eine Reparatur ausgebaut worden waren, schildert Sprösser. Zudem gebe es einige Firmen, die Verkäufer häufig abmahnten wie im Fall der Mütze. Die Lebenshilfe habe sich zwar vom Kunden bescheinigen lassen, dass die ein Marken-Original war - beweisen können habe man das nach dem Versand des Stücks nicht mehr.

Deutlich wurde: "So etwas kann jederzeit wieder passieren" und dann richtig teuer werden.

Deshalb wird die heimische Lebenshilfe vorerst keine Arbeitsplätze mehr in einem Geschäft anbieten können. Denkbar sei aber, dass der Verein seine Kenntnisse im Internet-Handel weiter nutzt und für kleinere Firmen den Online-Versand abwickelt. Dafür werden noch mögliche Partner gesucht.

Wer Produkte aus den Werkstätten der Lebenshilfe kaufen will, hat dazu bald wieder auf dem Gießener Weihnachtsmarkt und alljährlich beim "Tag der offenen Tür" in der Limeswerkstatt Garbenteich die Gelegenheit. Seidenmalerei kann man auch direkt in der Galerie der Reha-Mitte im Schiffenberger Tal (Siemensstraße 4) erstehen, am besten nach telefonischer Vereinbarung.

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