Professor John Ziebuhr leitet das Institut für Medizinische Virologie der Justus-Liebig-Universität. FOTO: PM/ROLF W. WEGST
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Professor John Ziebuhr leitet das Institut für Medizinische Virologie der Justus-Liebig-Universität. FOTO: PM/ROLF W. WEGST

"Risiko für Kinder gering, aber..."

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Virologen haben vor dem Risiko von Corona-Infektionen unter Schülern gewarnt. "Fehlende Präventions- und Kontrollmaßnahmen könnten zu Ausbrüchen führen, die Schulschließungen erzwingen", heißt es von der Gesellschaft für Virologie. Zu den Unterzeichnern gehört Professor John Ziebuhr. Der 57-Jährige ist Direktor des Instituts für Medizinische Virologie an der Justus- Liebig-Universität

Wie können Schulschließungen wie in Mecklenburg-Vorpommern verhindert werden? Oder ist ein Regelbetrieb in Pandemiezeiten eine Illusion?

Ziebuhr:Angesichts der Pandemie muss man davon ausgehen, dass SARS-CoV-2-Infektionen an Schulen nicht verhindert werden können. Es muss alles dafür getan werden, die Zahl von Übertragungen im schulischen Umfeld zu minimieren. Hierfür spielt die Bildung fester Gruppen einschließlich Lehrpersonal mit möglichst geringer Durchmischung eine entscheidende Rolle. Nur so kann es gelingen, bei einem möglichen Anstieg der Infektionszahlen im Herbst oder Winter den Umfang notwendiger Quarantänemaßnahmen an Schulen gering zu halten.

Und wenn es zu einem Nachweis einer Infektion kommt?

Ziebuhr:Dann muss die gesamte Gruppe sofort, also bereits vor einer Testung aller Kontaktpersonen, in häusliche Quarantäne. Bereits bei geringer Symptomatik sollte eine labordiagnostische Abklärung des Infektionserregers erfolgen. Dabei sollte angestrebt werden, dass der Laborbefund 24 Stunden nach Abnahme der Probe übermittelt wird. Bis dahin sollten symptomatische Schüler und Lehrpersonal nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Diese und andere Maßnahmen - einschließlich Maskenpflicht und Verbesserung des Luftaustausches in Schulräumlichkeiten - würden einen zentralen Beitrag zur Verhinderung von größeren Infektionsclustern leisten können, bei denen Schulschließungen durch Gesundheitsämter unvermeidlich wären.

Nordrhein-Westfalen startet mit Maskenpflicht auch im Unterricht an den weiterführenden Schulen. Ist das alternativlos und müsste eine solche Pflicht dann nicht auch an den Grundschulen gelten?

Ziebuhr:Es gibt klare Hinweise auf eine deutliche Reduktion der Übertragungshäufigkeit von SARS-CoV-2 bei konsequentem Tragen von Alltagsmasken. Ich befürworte deshalb die Entscheidung zur Maskenpflicht an weiterführenden Schulen und würde dies für alle Klassenstufen empfehlen.

Reicht eine Maske pro Schultag aus?

Ziebuhr:Ein bis zwei Masken pro Schultag sollten ausreichen.

Alslo Lehrer und Schüler regelmäßig testen?

Ziebuhr:Eine durchgängige Testung ist aus logistischen und Kapazitätsgründen nicht realisierbar. Wichtig ist jedoch, dass bereits bei sehr geringer Symptomatik konsequent getestet wird. Da die meisten Infektionen bei Kindern mild oder symptomfrei verlaufen, kommt der Testung des Lehrpersonals, bei dem die Infektion deutlich häufiger mit entsprechenden Krankheitssymptomen verläuft, eine besondere Bedeutung bei der Aufdeckung eines möglichen Übertragungsgeschehens zu.

Mit welchem Gefühl würden Sie Ihre Kinder in Pandemiezeiten morgens in die Schule verabschieden?

Ziebuhr:Ich habe keine Kinder im schulpflichtigen Alter. Wenn ich mich aber in diese Zeit zurückversetze, wäre ich dankbar gewesen, wenn es durch gute Organisation und intensive Anstrengungen aller Beteiligten gelungen wäre, einen einigermaßen regulären Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Kinder und Jugendliche brauchen eine gute schulische Ausbildung, die nur mit einem erheblichen Anteil von Prä-senzunterricht zu erreichen ist. Für Kinder ist das Risiko eines schweren Verlaufs einer SARS-CoV-2-Infektion als gering einzuschätzen. Da sich Kinder aber ähnlich häufig wie Erwachsene mit diesem Virus infizieren können und dabei auch ähnliche Virusmengen in ihren oberen Atemwegen wie Erwachsene haben, tragen sie nach jetzigem Erkenntnisstand in vergleichbarer Weise zur Verbreitung bei. Es bleibt daher eine vordringliche Aufgabe, mögliche Übertragungen und größere Übertragungscluster im schulischen Umfeld durch geeignete organisatorische, hygienische und labordiagnostische Maßnahmen auf ein Minimum zu reduzieren.

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