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Richard Albrecht arbeitet schon seit vielen Jahren in der Ricker’schen Buchhandlung. Foto: chh

Mensch, Gießen

Richard Albrecht: Der empfindsame Christ

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Richard Albrecht ist ein bekanntes Gesicht in Gießen - zum Beispiel durch seine Tätigkeit als Buchhändler. Dabei hatte der sensible 55-Jährige zunächst andere Pläne. Ein Porträt.

Richard Albrecht läuft durch die Flure der Zeitungsredaktion. Der Gießener muss dabei viele Hände schütteln. Einige der Redakteure kennen "Ritschie" schon fast ihr halbes Leben. Sie schätzen ihn, nicht nur, weil er als freier Mitarbeiter die Sportredaktion seit etlichen Jahren mit Berichten von den heimischen Wettkampfstätten versorgt. Trotz seiner zurückhaltenden Art und der leisen Stimme hat sich der 55-Jährige in der oft lauten und aufbrausenden Sportszene stets zurechtgefunden. Abseits der Sportplatzes war das nicht immer der Fall.

Albrecht ist im Schwalm-Eder-Kreis aufgewachsen. Der Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. "Wir haben in einem Lehrerhaus an der Schule abseits der Stadt gewohnt", erzählt er. Das klingt idyllisch, ein wenig nach Schullandheimatmosphäre, tatsächlich aber hatten alle Familienmitglieder ihr Kreuz zu tragen. "Mein Vater hatte einen sehr strengen Vater, der ihn oft verprügelt hat. Als 19-Jähriger musste er zudem in den Krieg." Seine Mutter sei als Aushilfslehrerin aus England nach Deutschland gekommen, habe ihren Beruf aber nicht ausgeübt, sondern den Haushalt geschmissen. Selbstverwirklichung? Fehlanzeige. "Dadurch waren meine Eltern sehr zurückhaltend, beim kleinsten Stress haben sie sich zurückgezogen", sagt Albrecht. Sie hätten ihn auch nie angespornt, Ziele zu entwickeln und anzustreben. Damals, in den 60er und 70er Jahren, sprach man nicht darüber. Heute weiß Albrecht: "Sie hatten beide mit Depressionen zu kämpfen." Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Nach dem Abitur wusste Albrecht nicht, wie es weitergehen sollte. Erstmal Bundeswehr. Doch die wollte ihn nicht. "Meine beiden Brüder hatten gedient. Außerdem kam ich aus einem geburtenstarken Jahrgang. Ich wurde nicht gezogen." Also musste schnell eine Alternative her. Sport interessierte ihn, außerdem kam er aus einem gläubigen Elternhaus. Und so rief Albrecht kurz vor Semesterbeginn mehrere Unis an und fragte, ob noch ein Platz für einen angehenden Theologie- und Sportstudenten zu vergeben sei. Gießen sagte zu.

Albrecht lacht: "Das war holterdipolter. Erst nach dem Einschreiben habe ich realisiert, dass es Lehramtsstudiengänge waren." Lehrer. Wie der Vater. Warum nicht? Schließlich war Albrecht auf dem Schulgelände aufgewachsen. "Ich dachte, ich weiß, wie der Laden läuft."

Das Studium absolvierte Albrecht. Im Referendariat kam es dann aber zum großen Knall. Er schaffte es nicht, Inhalte zu planen und den Lernstoff zu analysieren. "In einer Unterrichtsstunde lief es dann an einem Punkt richtig schief." Er geht nicht näher darauf ein, aber der Vorfall sorgte dafür, dass die Prüfer ihn ernsthaft hinterfragten. Und Albrecht einen Psychiater aufsuchte. "Er hat mich dann aus dem Verkehr gezogen. Er sagte, für diesen Beruf brauche man ein gewisses Maß an Abgebrühtheit." Albrecht hatte es nicht. Dafür eine Depression.

Im Sport lief es wesentlich besser. Albrecht engagierte sich im Fußball und Volleyball. Damals fing er auch an, als freier Mitarbeiter für die Gießener Allgemeine zu schreiben. Seine Heimat aber fand er später im Golf. Jene Sportart, die er in jungen Jahren als Austauschschüler in Schottland für sich entdeckt hatte. Eine noch größere Rolle in seinem Leben spielt jedoch sein Glauben. Auch, wenn die Vorzeichen dies nicht unbedingt vermuten lassen.

Glaube und Gottesfurcht

Albrechts Großvater war ein strenger Pfarrer der alten Schule. Ein Mann, der seinem Sohn den nötigen Respekt auch mal mit den Fäusten einbläute. Die Schläge sorgten aber nicht zu einer Religionsverdrossenheit in der Familie. Im Gegenteil. Albrecht ist ein gottesfürchtiger Mensch, der von der Zuverlässigkeit der Bibel überzeugt ist. Der Glaube und die Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen sind die positiven Lichtblicke in seinem Leben. "Christ wird man nicht, indem man sagt, ich habe dies oder das vorzuweisen", sagt Albrecht. "Gott sagt, ich nehme dich an, egal was du vorzuweisen hast." Heute ist der 55-Jährige treues Mitglied der Freien Evangelischen Kirche in Pohlheim. Zuvor hatte er sich bei den Gießener Evangelikalen engagiert. Und dabei auch seine spätere Ehefrau kennengelernt.

Es gibt zwei Arten von gläubigen Menschen. Jene, die in einer frommen Tradition aufwachsen, und andere nicht-christlicher Prägung, die eine Wende in ihrem Leben zum Glauben hin vollziehen. Albrecht gehörte zur ersten, seine Frau zu zweiten Gruppe. "Im Gegensatz zu mir hatte sie immer konkrete Vorstellung von dem, was sie wollte. Für mich war das bequem, ich konnte mich wunderbar anhängen." Albrecht sagt, stets jemanden zu brauchen, der Ansagen mache, vorneweg gehe. Diese Passivität schleppt er schon sein ganzes Leben mit sich herum. Ein Muster, das er von seinem Eltern übernommen habe, wie er sagt. Doch für seine Ehe war das Gift. "Meiner Frau wurde es irgendwann zu viel. Sie konnte nicht mehr." Vor sechs Jahren reichte sie die Scheidung ein. "Daran habe ich heute noch zu knabbern."

Auf der Bühne des Keller-Theaters

Ablenkung findet er in der Ricker’schen Buchhandlung. Er hat sich vor vielen Jahren, nach dem Scheitern des Referendariats, zum Buchhändler umschulen lassen. Und Albrecht geht gerne ins Keller Theater. Nicht ins Publikum, sondern auf die Bühne. Der 55-Jährige weiß, dass dies für einen zurückhaltenden Menschen ungewöhnlich klingt. "Das ist ein bisschen wie beim Sport. Dort steht man ebenfalls auf der Bühne. Gleichzeitig agiert man aber auch in einem geschützten Raum." Wichtig sei dabei, dass er sich an genaue Vorgaben halten könne. Der Text sei vorgegeben, der Regisseur sage ihm, wo er wann hinzugehen habe. Improvisationstheater käme für Albrecht nicht in Frage.

Albrecht ist ein zurückhaltender Mensch. Er spricht mit leiser Stimme, und nicht nur einmal kriegt er glasige Augen, wenn er auf die Vergangenheit blickt. Ein schlechtes Wort über andere kommt ihm dabei aber nicht über die Lippen. Albrecht sagt selbst, dass er ein angenehmer Zeitgenosse sei. Harmoniebedürftig, pflegeleicht, ein Mensch, mit dem man nicht streiten könne. Der Gießener gesteht dies als Schwäche ein.

Manchmal mag das zutreffen. Dabei vergisst er, dass Zurückhaltung und Ehrlichkeit keine Nöte, sondern Tugenden sind. Und sich seiner eigenen Schwächen bewusst zu sein, kein Makel, sondern Stärke ist.

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