In Zeiten von digitalem Unterricht kritisieren Gießener Elternbeiräte die technische Infrastruktur der Schulen. FOTO: SCHEPP
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In Zeiten von digitalem Unterricht kritisieren Gießener Elternbeiräte die technische Infrastruktur der Schulen. FOTO: SCHEPP

Revolution statt digitale Steinzeit

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Den Schulen in Gießen stellen Annika Kruse und Jennifer Achterberg in der Corona-Krise ein gutes Zeugnis aus. Was die zwei Elternbeiräte bemängeln, ist die Infrastruktur im technischen Bereich. Sie sprechen von Steinzeit, dabei wäre mit Blick auf den Herbst und möglichen höheren Infektionszahlen die Moderne gefragt.

Ende August hatte das Staatliche Schulamt in Gießen ein erstes Fazit des Schulunterrichts nach dem Ende der Sommerferien gezogen. Trotz der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie sei der Start "absolut gelungen", sagte Schulamtsleiter Norbert Kissel. Annika Kruse hält von solchen Erfolgsmeldungen wenig: "Ich weiß nicht, woher diese Zuversicht kommt." Kruse ist Mitglied des Elternbeirats an der Ludwig-Uhland-Schule. Und Jennifer Achterberg, Vorsitzende des Elternbeirats an der Herderschule, betont: "Gerade die digitale Infrastruktur in Gießen ist eine Katastrophe."

Achterberg und Kruse sind seit Jahren engagierte Elternbeiräte: Achterberg im Gymnasium, Kruse an der Grundschule am Aulweg. Beide eint die Sorge, dass sich in Sachen Digitalisierung nichts tut - obwohl die Corona-Pandemie den Handlungsbedarf deutlich gemacht hat.

Lob für Schulen

Ihre Kritik wendet sich weniger an Lehrer und Schulleitungen. Kruse betont: "Ich verstehe, dass die Schulleitungen sich nicht mit der Zukunft beschäftigen können, weil sie in der Gegenwart genug zu tun haben." Beispielsweise hätten in manchen Einrichtungen vor dem Schulstart mehrere Konzepte für den Unterricht gleichzeitig erarbeitet werden müssen, weil das Hessische Kultusministerium Entscheidungen zum Schulbetrieb oft in letzter Minute mitteile. "Dass die Schulen nichts anderes machen können, als das System am Laufen zu halten, ist klar", sagt Kruse.

Achterberg unterstreicht die gute Kommunikation zwischen der Leitung der Herderschule und den Eltern. Außerdem habe sich die Einrichtung mit getrennten Schulhofbereichen oder angepassten Pausenzeiten gut auf die Situation eingestellt. "Klar, es gibt wenige Klassenräume mit Waschbecken", sagt sie, "aber für die Ausstattung der Räume kann die Schule nichts."

Problematisch hingegen sehen beide die technische Infrastruktur der Gießener Schulen. Dort herrsche teilweise digitale "Steinzeit", betont Achterberg: Die Geräte seien veraltet, schlechte Internetverbindungen die Regel. Die Herderschule hingegen habe eine schnellere Internetleitung - weil sich die Einrichtung selbst darum gekümmert habe, "und nicht die Stadt als Schulträger".

Beide kennen Lehrer, die motiviert sind, sich den neuen Begebenheiten zu stellen, die Ideen für den Hybridunterricht mit Digital- und Präsenzlehre haben. Doch die mangelhafte Infrastruktur bremse sie aus. Und alles bleibe beim Alten. Kruse sagt: "Der Fokus auf den Präsenzunterricht sorgt nur dafür, dass man sich nicht damit beschäftigen muss, wie der Unterricht zukunftsfähig gestaltet werden kann." Digitalunterricht bedeute eben nicht, jede Menge Buchseiten einzuscannen und von den Schülern bearbeiten zu lassen.

Achterberg und Kruse wünschen sich vor allem von der Stadt als Träger und vom Staatlichen Schulamt mehr Engagement. Nötig sei nicht nur der Ausbau der IT-Infrastruktur. Nötig seien auch zusätzliche Fachkräfte, die den digitalen Standard an Schulen sicherstellen. "Um am System zu rütteln, braucht es eine Revolution", sagt Kruse. Und Eltern, die immer wieder auf Probleme hinweisen.

Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser versteht, dass sich Eltern eine gut ausgestattete Schule wünschen. "Wir können auch verstehen, dass eine schnellere Umsetzung gewünscht ist", sagt sie. Für die Stadt als Schulträger habe der Ausbau der IT-Infrastruktur Priorität. "Aber in diesem Jahr haben wir vieles geschafft."

Viel Zeit für Vergabe

Seit vielen Jahren werde diskutiert, dass es im Bereich der Schulen einen immensen Investitionsstau gebe. Mit den den Kommunen zur Verfügung stehenden Mitteln könnten Schulträger ohne Programme von Land und Bund dem nicht wirksam nachkommen, betont Eibelshäuser. Deshalb sei die Stadt froh, vom Bund beim Ausbau der digitalen Infrastruktur finanziell unterstützt zu werden. Wenn das Geld aber bereitgestellt sei, "schließen sich umfangreiche Bewilligungs-, Vergabe- und Umsetzungsverfahren an", so die Dezernentin. "Als Schulträger bauen wir den IT-Support durch die Schaffung zusätzlicher Personalstellen aus."

Eibelshäuser betont, dass die Stadt zuletzt in den IT-Ausbau an Schulen investiert habe. "Im Unterschied auch zu der Situation in anderen Schulträgerbereichen sind in Gießen nahezu alle Schulen vollständig vernetzt." Mittlerweile seien fünf mit WLAN in allen Klassenräumen ausgestattet: Herderschule, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gesamtschule Gießen-Ost, Kleebachschule und die Sekundarstufe I der Brüder-Grimm-Schule. Aktuell werden laut Eibelshäuser die Beruflichen Schulen ausgestattet, danach die weiterführenden und 2021 die Grundschulen. Die Anbindung aller Schulen an das Glasfasernetz erfolge unter Regie des Landkreises.

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