Bahnhofsvorplatz

Rettung für die alte Treppe am Bahnhof Gießen naht

  • schließen

Nach vergeblichen Anläufen und endlosen Debatten soll es mit der Sanierung der 110 Jahre alten Treppe am Bahnhofsvorplatz nun ganz schnell gehen. Eine Zahl überrascht.

Manchmal sind es die Randaspekte und Details, die faszinieren. Dem Gießener Bau- und Planungsdezernenten Peter Neidel hat es die weiße Farbe angetan, die stellenweise an einigen Stellen der historischen Treppe haftet. Denn es handele sich keineswegs um die Reste irgendeiner Schmiererei, sondern um Markierungen, die der Bevölkerung vor über 70 Jahren bei Luftalarm in der abgedunkelten Stadt den Weg zum nächsten Luftschutzraum wiesen. "Auch darauf sollen wir Rücksicht nehmen, haben uns die Denkmalschützer gesagt", erzählt der CDU-Stadtrat am Mittwoch vor der Presse. Treppe wird ab November abgebaut Neidel und Peter Ravizza, Leiter des Tiefbauamts, hatten es in letzter Zeit häufig mit den Denkmalschützern zu tun, um die Sanierung des etwa 110-jährigen Bauwerks (siehe Kasten unten) vorzubereiten. Bereits im November wird es mit den Arbeiten am Bahnhofsvorplatz losgehen. Eine Fachfirma, die im Laufe des Oktober beauftragt werden soll, wird die Treppe dann abbauen, in einer firmeneigenen Halle lagern, die Steine und Stufen untersuchen sowie markieren. Die Steinmetze werden dann jeden Stein auf seine Wiederverwendbarkeit hin untersuchen. "Sind Bauteile zu stark beschädigt, werden sie nachgebildet", erläutert Neidel. Bereits entschieden wurde, dass die scheinbar ausgetretenen Stufen wiederverwendet werden, weil sie noch zehn bis 15 Jahren halten werden.

Der Wiederaufbau der Treppe, der wohl einem großen Puzzle ähneln wird, soll dann wohl im zweiten Halbjahr 2018 über die Bühne gehen. Vorher muss noch das Fundament der Treppenanlage erneuert werden. "Dazu werden Stahlseile eingezogen, die die Steine der seitlichen Stützmauern zusammenziehen und stabilisieren sollen", erklärt Amtsleiter Ravizza. Während der Bauzeit steht den Fußgängern die seitliche Rampe als Verbindung zwischen dem Alten Wetzlarer Weg und dem Bahnhof zur Verfügung. In diesem Zusammenhang erinnert Neidel daran, dass Radfahrer ihr Fahrzeug dort schieben müssen. Aufzug kommt später In einem zweiten Bauabschnitt, der noch nicht terminiert ist, soll dann auf der Seite des Oberhessischen Bahnhofs ein Aufzug neben der Treppe errichtet werden. Deshalb halten sich die Kosten für die reine Treppensanierung mit geschätzten 550 000 Euro vergleichsweise im Rahmen. 250 000 Euro, die das Stadtparlament noch genehmigen muss, sollen noch in diesem Jahr für die Rettung ausgegeben werden.

Für ihn sei es keine Option gewesen, die Treppe abzuschreiben, betont Neidel. "Die paar Schmuckstücke, die Gießen noch hat, sollten auch erhalten werden." Der Zustand eines Bauwerks wird in vier Stufen angegeben. Die Treppe am Bahnhof habe den "Warnwert" von 3,5 schon überschritten, sagt Ravizza.

Die letzte große Debatte über die Zukunft der alten Treppe hatte es im Zusammenhang mit dem Umbau des Bahnhofsvorplatzes 2012 gegeben. Eine große Lösung mit Kopfbau, der eine Touriinfo und eine Fahrradwerkstatt aufnehmen sollte, scheiterte am Veto der Kommunalaufsicht, der das mit Blick auf den Gießener Stadthaushalt zu teuer war.

Info

Ein Gesamtkunstwerk

Der in den Jahren 1904 bis 1906 gebaute und 1910 erweiterte Gießener Bahnhof und mit ihm die Treppe, die hinab auf den Vorplatz führt, sind Bestandteile der denkmalgeschützten Gesamtanlage Bahnhofsviertel. Bereits in der 1993 vom Landesamt für Denkmalpflege herausgegebenen Gießener Denkmaltopographie wird eine "sorgfältige Restaurierung mit behutsamen Ergänzungen" angemahnt. Gelitten habe die Treppe vor allem unter den Eingriffen der 60er und 70er Jahre, als unter anderem die Brückenschenke beseitigt wurde. Auch zwei Stellwerke und der Lokschuppen, der Froschbrunnen im Oberhessischen Bahnhof und die gusseisernen Bahnsteigsäulen gehören zum Kulturdenkmal Hauptbahnhof. (mö)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare