In der JVA Gießen gibt es für Häftlinge zahlreiche Angebote, um sie auf ein Leben danach vorzubereiten. FOTO: SCHEPP
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In der JVA Gießen gibt es für Häftlinge zahlreiche Angebote, um sie auf ein Leben danach vorzubereiten. FOTO: SCHEPP

Resozialisierung

Resozialisierung: Vorbereitung auf ein Leben ohne Knast in Gießen

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Die Resozialisierung von Häftlingen dient dazu, sie auf ein Leben nach der Entlassung vorzubereiten. Ein Besuch im Gießener Gefängnis zeigt, wie das gemacht wird.

Gießen - Eine Haftstrafe ist die härteste Sanktion, die das deutsche Strafrecht kennt - und absolut kein Zuckerschlecken. Auch wenn einige Menschen das anders sehen. "Denen geht’s doch gut da drin", heißt es dann über Häftlinge. Nur: Diese Menschen haben noch nie eine Zelle für einige Tage, Monate oder Jahre von Innen gesehen. Sie wissen nicht, was das Eingesperrtsein mit Menschen macht, deren Lebensentwürfe selbstverschuldet den Bach hinuntergegangen sind. Sie werden es auch fragwürdig finden, dass Straftäter ab dem ersten Tag ihrer Haft auf ein Leben nach der Entlassung vorbereitet werden. "Es gibt in Deutschland kein Schuld- und Sühnestrafrecht", sagt Hans-Peter Gebhard, Sozialarbeiter in der Justizvollzugsanstalt Gießen. Der Fokus liegt auf der Resozialisierung. "Wenn wir die Gefängnistür aufmachen, darf dieser Mensch keine neue Straftat mehr begehen. Alles, was wir hier machen, darf keine neuen Opfer produzieren."

Im Gefängnis an der Guthfleischstraße gibt es aktuell 126 Haftplätze. Knapp über die Hälfte der Insasssen sitzt in Untersuchungshaft. Sie sind also nicht rechtskräftig verurteilt, und so gilt für sie die Unschuldsvermutung. Eingesperrt sind sie trotzdem - falls von ihnen eine mögliche Gefahr für neue Straftaten ausgeht, Verdunklungs- oder Fluchtgefahr besteht.

Resozialisierung nach Vollzugsplan

Diese 64 U-Häftlinge sind nicht Zielgruppe der Resozialisierung. Genausowenig wie die 34 Personen, die eine sogenannte Ersatzhaftstrafe absitzen. Sie konnten zum Beispiel ein von einem Gericht auferlegtes Bußgeld nicht zahlen und müssen deshalb eine Haftstrafe absitzen. Nur 26 Insassen verbüßen eine Freiheitsstrafe. Für sie gibt es hinter Gittern einige Angebote, erzählt Gebhard, der seit 1985 im Vollzug arbeitet. "Für sie schaffen wir hier im Gefängnis eine Plattform der Reflexion."

Die Resozialisierung eines Gefangenen verläuft nach einem Vollzugsplan. Den erarbeitet ein Sozialarbeiter der JVA mit dem Häftling gemeinsam. "Die meisten", sagt Gebhard, "machen dabei auch mit." Dieser Plan arbeitet vor allem mit einer Art Belohnungsprinzip. Wer mitzieht, sich regelmäßig bei Angeboten zeigt, sich nicht entzieht, der kann zum Beispiel auf eine vorzeitige Haftentlassung hoffen. Bei guter Führung, wie es so schön heißt.

Die Angebote im Gefängnis hängen vor allem, aber nicht nur mit der Straftat zusammen, wegen der jemand einsitzt. Ein Gewalt- oder Sexualstraftäter wird in der Haft motiviert, eine Therapie anzufangen. "Es ist eine besondere Tätergruppe, die über die Grenzen anderer Menschen hinweggegangen ist", sagt Gebhard. Mit ihnen wird in Antiagressions- oder Sozialtrainings besprochen, welche Ursachen ihre Handlungen haben könnten - und was sie tun müssen, um zukünftig nicht mehr straffällig zu werden. Es gibt eine Drogenberatung für Abhängige sowie eine Schuldnerberatung. Migranten können Deutschkurse belegen.

Kooperation zwischen JVA und Volkshochschule

Hinzu kommen Kunst-, Theater- oder Fotoworkshops. Geleitet werden viele Angebote von externen Fachkräften; so gibt es eine Kooperation der JVA mit der Volkshochschule. Gerade die künstlerischen, niedrigschwelligen Kurse haben eine besondere Bedeutung, betont Gebhard "Es geht darum, die Leute zu reaktivieren", sagt er. "Bildung bringt sie weiter und lässt sie am Leben teilhaben. Sie lernen, in der Gruppe vernünftig, gewaltfrei miteinander zu agieren." Um Haftschäden zu vermeiden, finden außerdem Kinoabende oder Konzerte statt. Aber auch hier gilt: Teilnehmen dürfen die, die motiviert sind, sich zu ändern. Gerade bei den Gelegenheiten gelinge es oft, Mauern in den Köpfen der Häftlinge niederzureißen und offen miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ein weiterer Baustein der Resozialisierung ist die Arbeit. Sie gibt den Häftlingen eine Tagesstruktur. In Gießen wird zum Beispiel in der Produktionshilfe für die Autoindustrie gearbeitet oder in den internen Bereichen wie Küche oder Reinigung. Gerade junge Häftlinge werden motiviert, ihren Abschluss oder eine Ausbildung nachzuholen.

Bei guter Führung wird den Gefangenen nach einer gewissen Zeit ermöglicht, in kleinen Schritten Freiheit zu trainieren. Sie dürfen als Freigänger die Haftanstalt für eine gewisse Zeit verlassen. Dabei wird genau registriert, ob sie sich an Regeln halten und pünktlich wieder zurückkehren. Das alles wird mit den Häftlingen penibel vor- und nachbereitet. Kommt dann der Tag der Entlassung, sei man auf Vereine wie "Aktion - Perspektiven" in Gießen angewiesen, die das Übergangsmanagement für die Haftinsassen übernehmen.

Gebhard verschweigt nicht, dass es Gefangene gibt, die mit solchen Angeboten nicht erreicht werden. Dass es rückfällige Straftäter gibt. Der Sozialarbeiter betont: "Aber es gibt keine Alternative, um die Entstehung von Kriminalität in den Griff zu bekommen."

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