Johanneskirchenkantor Christoph Koerber an der Orgel der Bonifatiuskirche. FOTO: JOU
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Johanneskirchenkantor Christoph Koerber an der Orgel der Bonifatiuskirche. FOTO: JOU

Reizvolle Konfrontation

  • vonSascha Jouini
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Gießen(jou). Die einschneidenden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den kulturellen Betrieb sind auch in der Bonifatiuskirche nicht zu übersehen. So mussten die von Orgelmusikliebhabern geschätzten Mittwochskonzerte in den letzten drei Monaten ausfallen, zudem wurde die Feier zum "Geburtstag" der 2015 eingeweihten Eule-Orgel auf September nächsten Jahres verschoben.

Orgeljubiläum auf 2021 verschoben

Vor diesem Hintergrund zeigte sich Regionalkantor Michael Gilles am Mittwoch erfreut, "in kleinen Schritten wieder Konzerte anbieten zu können". Das jüngste Programm stand im Zeichen des ökumenischen Austauschs: Christoph Koerber, Kantor der Johanneskirche, spielte die Werkfolge zweimal nacheinander an der Eule-Orgel, um so einen größeren Hörerkreis in den Genuss seiner Interpretationen kommen zu lassen. Wegen des Abstandsgebots war die Kapazität nämlich auf 45 Plätze begrenzt.

Das durchdacht konzipierte Programm hatte es in sich. Rund 35 Minuten genügten Koerber, um die Besucher emotional zu ergreifen, sie innerlich aufzuwühlen und erbauliche Anstöße zu geben. Einen dramatischen Auftakt markierte Johann Sebastian Bachs Fantasie g-Moll BWV 542. Meisterhaftes Format demonstrierte der Organist bereits hier, so wirkungsvoll reizte er die scharfen Dissonanzen in seiner weite Bögen schlagenden Darbietung aus.

Danach spielte Koerber Bach’sche Choralbearbeitungen aus dem "Orgelbüchlein" im Wechsel mit den "10 Litaneien" op. 43 der französischen Komponistin Florentine Mulsant (geb. 1962). Die erste Litanei setzte einen meditativen Ruhepunkt, während die zweite durch energischen Charakter erhielt.

Im Ganzen ergab sich eine interessante Konfrontation der modernen Stücke mit den barocken Choralbearbeitungen. Die eigentlich für den Unterricht gedachten, gleichwohl schwierig zu spielenden Litaneien und Choräle wie "In dich hab ich gehoffet, Herr" oder "Durch Adams Fall ist ganz verderbt" schienen sich wechselseitig zu beleuchten. So hatte Koerber die Kompositionen in sich stimmig nach Klangcharakter und Ausdrucksgehalt zusammengestellt - von verhalten-ruhigen, nach innen gekehrten Momenten über düstere Szenarien bis hin zu Trost und Hoffnung. Besonders nahe ging die Reflexion über das schnell vergehende Dasein rund um den Choral "Ach wie nichtig, ach wie flüchtig" (BWV 644). Auf den Punkt bringt Bach-Forscher Hermann Keller die Doppeldeutigkeit der Bearbeitung: "die Nichtigkeit des menschlichen Lebens versinnbildlichen die quasi pizzicato-Bässe, seine Flüchtigkeit die schattenhaft dahinziehenden Mittelstimmen, - ein Helldunkel wie eine Radierung von Rembrandt!"

Nach dieser tief schürfenden Erfahrung führte die virtuos dahinrauschende Finalmusik aus Louis Viernes 1. Orgelsinfonie das Konzert zu einem erhebenden Abschluss. Sichtlich davon ergriffen, spendeten die Hörer herzlichen Beifall.

Beim nächsten Mittwochskonzert am 5. August um 18.30 Uhr und 19.30 Uhr spielt Kantor Christof Becker aus Lich.

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