Frank-Tilo Becher (r.) trifft Fotograf Rossi Mechanezidis. FOTO: STOLEN-MOMENTS.DE
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Frank-Tilo Becher (r.) trifft Fotograf Rossi Mechanezidis. FOTO: STOLEN-MOMENTS.DE

Reise durchs Corona-Land

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Die Berliner Wut-Demo der Corona-Rebellen bestimmt aktuell die Schlagzeilen. Von der millionenfachen Betroffenheit durch die Einschränkungen, die die Pandemie weiterhin mit sich bringt, ist nur noch selten die Rede. Der SPD-Landtagsabgeordnete Frank-Tilo Becher hat Betroffene bei seiner Sommerreise getroffen. Sein Eindruck: "Es gibt viel Verständnis für die Maßnahmen, aber auch Unsicherheit."

Einen guten Monat alt war der Lockdown, als der Gießener Landtagsabgeordnete Frank-Tilo Becher am 23. April seine Gedanken über die Chancen, die diese Krise auch bietet, veröffentlichte. Es ging um die schlechte Bezahlung der "Helden des Alltags", die schlechtere der Grundschullehrer/innen, den Stellenwert der Kleinkinderbetreuung oder der Kultur. Davon muss der SPD-Politiker vier Monate später zwar nichts zurücknehmen, aber wie so viele andere sei er damals gedanklich auch schon in der Zeit nach Corona gewesen. Ein Trugschluss: "Wir sind immer noch in einem Ausnahmezustand."

Diese Gewissheit hat auch die Sommerreise geprägt, die den Abgeordneten aus Gießen in der ersten Augusthälfte zu den von den Einschränkungen und Folgen der Pandemie betroffenen Unternehmen, SoloSelbstständigen und Institutionen geführt hat. Zuvor hatten ihn schon viele Hilferufe erreicht. "Ich war ein Sorgentelefon", erinnert sich Becher zum Beispiel an den Anruf eines Sportstudiobetreibers, der verzweifelt war, weil die Studios noch nicht öffnen durften. "Die waren unglaublich kreativ, haben ihre Spinningräder zu den Kunden gebracht und digitales Training angeboten", erzählt Becher.

Getroffen hat er den Hochzeitsfotografen Rossi Mechanezidis, dem über Nacht die Aufträge fast einer ganzen Saison weggebrochen waren. "Die sogenannten Solo-Selbstständigen fallen durch die Absicherungen der Corona-Hilfen. Letztlich bleibt nur Hartz IV", sagt Becher, der ein Landesprogramm für diese Gruppe für nötig hält. Ähnlich sei es zum Beispiel bei den Honorarkräften, die für die Volkshochschulen arbeiteten. Becher führte diesbezüglich Gespräche in der in Lich ansässigen Kreisvolkshochschule.

Mehr müsste die Landesregierung seiner Meinung nach für die Jugendherbergen tun, deren Verbandsvertreter sich mit Mitgliedern der SPD-Landtagsfraktion in Frankfurt trafen. "Hier besteht einfach die Gefahr, dass eine wichtige Infrastruktur langfristig wegbricht", erläutert der jugend- politische Fraktionssprecher .

Sorge um Jugendherbergen

Zum Thema Jugendherbergen gab es auch eine parlamentarische Initiative, ansonsten nutzt Becher "die Kanäle, die ich als Abgeordneter habe". Der Gießener erkennt an, dass die Landesregierung offenkundig bemüht ist, die Kontakte der Abgeordneten zu nutzen, um die vielen Anliegen, die die Menschen im Zusammenhang mit der CoronaKrise in Hessen haben, zu sammeln. Becher: "Es sind Mail-Adressen eingerichtet worden, über die man sich zum Beispiel direkt ans Sozialministerium wenden kann. Das läuft mal besser und mal schlechter." Dort hat Becher vielleicht auch hinterlassen, was er von einem Kita-Besuch in Buseck mitgenommen hat. Sein Eindruck, dass "alles, was nicht geregelt ist, Unsicherheit schafft"; lässt sich auch auf die Situation in den Schulen übertragen.

Statt Ad-hoc-Anweisungen, die binnen vier Tagen über ein Wochenende hätten umgesetzt werden müssen, hätte er sich einen "Stufenplan mit Plan B und C" gewünscht. Und auch eine klare Linie beim Thema Testungen. Für Menschen in Erziehungsberufen müssten die "zu jeder Zeit möglich sein".

Auch eine Eisdielentour stand auf dem Programm der Sommerreise. Die Betreiber der Eiscafés stünden stellvertretend für ganz viele, die Verständnis für die Maßnahmen zum Infektionsschutz aufbrächten. "Die hoffen und beten, dass die Leute ihren Mundschutz tragen, denn ein erneuter Lockdown wäre für sie das Schlimmste."

In diesem Zusammenhang richtete der frühere Dekan der evangelische Kirche in Gießen ein deutliches Wort an die politisch motivierten Maskenverweigerer: "Freiheit ohne Solidarität ist Egoismus."

Rührender Dank einer Seniorin

Becher traf die verzweifelten Betreiber eines Reisebüros, einen Pfleger von der Covid-19-Normalstation des Uniklinikums, der über lange, heiße Arbeitstage im Schutzanzug und über Ansteckungsängste sprach, den kurzarbeitenden Hallenmeister der leeren Kongresshalle oder einen Theologie-Studenten aus Togo, der im Februar nach Gießen kam und unter der unerwarteten Einsamkeit litt. In der Jugendwerkstatt erfuhr er auch etwas über die seiner Meinung nach gravierenden Defizite bei der Digitalisierung in den hessischen Schulen. Berührt hat ihn eine Seniorin, die überwältigt gewesen sei, dass die Gesamtgesellschaft für die Alten derlei Einschränkungen hinnehme. Er hat sich auch die Frage gestellt, was die letzten Monate mit den Kindern und Jugendlichen gemacht haben, die sich "unglaublich einschränken mussten".

Am Ende seiner Reise durch die beiden Gießener LandtagsWahlkreise, die er auf dem Fahrrad zurücklegte und nebenbei Anregungen für bessere Wegeführungen durch Stadt und Kreis sammelte, stand jedenfalls wieder die Gewissheit, die er Ende April zu Papier gebracht hatte. "An ein paar Stellen können wir nicht so weitermachen wie bisher."

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