Reiner Calmund referierte über Fußball und Wirtschaft

Gießen (srs). Der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen sprach vor Mitgliedern der Volksbank Mittelhessen und gestaltete so den unterhaltsamen Teil der Mitgliederversammlung.

Die Arme wedeln über dem Rednerpult auf und ab. Reiner Calmund spricht ohne Punkt und Komma. Fußballweisheiten, Scherze und eine Flut von Floskeln sprudeln in rheinischem Dialekt aus ihm heraus. Seinen massigen Körper dreht der 61-jährige währenddessen nach links und nach rechts, beugt sich vor und zurück. Der langjährige Manager des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen auf dem schmalen Podest in der Kongresshalle steht nicht. Er tänzelt. Immer wieder verrutscht dabei jedoch ein an seinem rechten Ohr angebrachtes Mikrofon - bis er es schließlich ablegt. Er hält am Rednerpult inne, blickt ins Publikum und spricht in ein dort befestigtes Mikrofon hinein: "Einen Vorteil hat das jetzt: Sie können endlich die Leinwand hinter mir sehen." Calmund gestaltete mit einem Vortrag den unterhaltsamen Teil der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen am Dienstag (die AZ berichtete am Mittwoch über die Geschäftszahlen).

Vor 550 Genossenschaftern der Volksbank sprach der Fußballfunktionär zum Thema "Mit Kompetenz und Leidenschaft zum Erfolg". Knapp anderthalb Stunden unterhielt er die Gäste, indem er Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen der Führung von Fußballvereinen und sonstigen wirtschaftlichen Unternehmen erörterte. "Der Tabellenplatz ist der Marktanteil", erklärte Calmund. In jedem Betrieb wie auch im Fußball gehe es zudem um Kundenbindung sowie um Image.

Am Ende schlussfolgerte der 61-Jährige jedoch: "Fußball und Wirtschaft sind zwei Paar Schuhe." In seiner Zeit als Manager des Leverkusener Werksklubs habe sich mehrmals der Unternehmens-Chef der Bayer AG in Ansprachen an die Sportler gewandt. "Da hat selbst der dümmste Spieler, der keinen Eimer Wasser umkippen kann, gemerkt: Der erzählt Scheiße. Der hatte keine Ahnung. Das erinnerte an eine Karnevalssitzung." So hielt Fußballexperte Calmund in der Kongresshalle fest: "Schuster, bleib bei deinen Leisten" - und setzte seine Ausführungen zu wirtschaftlichen Fragen fort. Er sei gelernter Betriebswirt und Kaufmann, betonte der 61-Jährige mehrmals.

Die Personalführung sei das A und O, auch im Fußball, erklärte Calmund. "Wenn die nicht stimmt, geht’s den Bach runter." Gleichzeitig müssten die Mitarbeiter zu Leidenschaft fähig sein. "Die müssen auch in Wolkenzeiten kratzen und beißen. Meine Spieler wussten: Wenn du beim Calmund arbeitest, freust du dich aufs Sterben." Er erinnerte an die Saison 1995/96, als seine Mannschaft sich erst am letzten Spieltag mit einem 1:1-Unentschieden gegen Kaiserslautern vor dem Abstieg rettete. "In der Spielzeit waren unsere Fußballer wie Landärzte, die plötzlich in der Uniklinik operieren müssen: super qualifiziert - aber unter hohem Druck zittert die Hand." Der Verein habe sich danach von zahlreichen Sportlern getrennt.

Große Bedeutung sowohl im Fußball wie in der Wirtschaft habe die Förderung des Nachwuchses. Jahrelang habe der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in dem Bereich geschlafen. "Da wurden Anfang der Neunziger große Reden geschwungen. Aber beim Besuch von Jugendmannschaften wurde dann festgestellt: da sind ja keine Journalisten. Die Budgets für den Nachwuchs waren damals lächerlich." Erst viel später habe der DFB investiert und fahre heute mit Titeln seiner Jugendmannschaften endlich den Lohn ein.

Eine wesentliche Besonderheit des Fußballs, so betonte Calmund, sei die hohe Aufmerksamkeit, die der Sport genieße. "34 Millionen Deutsche interessieren sich für Fußball, bundesweit sind knapp sieben Millionen Menschen Mitglieder von Fußballvereinen."

Die hohe Anteilnahme habe er als Manager von Bayer Leverkusen auch schmerzlich - nach Punktverlusten nämlich - zu spüren bekommen. "Nach einem Unentschieden in Rostock wirst du am nächsten Morgen beim Bäcker als ›Penner‹ bezeichnet, im Supermarkt und am Kiosk folgen die nächsten Abreibungen. Du darfst nur nicht den Fehler machen, dann auch noch beim Friseur vorbeizuschauen."

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