Disko-Serie

»Red Brick«: Unsinn, Droge, Rockmusik

  • Armin Pfannmüller
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Man kommt rein und dreht eine Runde. Diesem Ritual folgten fast alle im »Red Brick«. Das Tanzlokal im Alten Wetzlarer Weg zählte zu den Kultstätten des Gießener Kneipenlebens. Ein Blick zurück.

Ob das wirklich ein Lokal ist, das im Gießener Angebot noch gefehlt hat, das kann man ab heute selbst feststellen«, heißt es im Eröffnungsartikel vom 14. Oktober 1978 noch zurückhaltend. Von der eher skeptischen Berichterstattung ließen sich die Gäste nicht abhalten. Das »Red Brick« im Alten Wetzlarer Weg wurde schnell zum Publikumsmagneten. Vor allem am Wochenende und nach ein Uhr war das Tanzlokal – den Begriff Disco mochte Betreiber Mahmud Hashash nicht – rappelvoll. Dominiert wurde die Einrichtung des »Brick« von einer riesigen gemauerten Theke. Wer reinkam, drehte zunächst mal eine Runde, manchmal auch zwei, erinnert sich Marianne Jung. Die Kleinlindenerin war zusammen mit Hashash – ihrem damaligen Ehemann – Inhaberin des Kultschuppens. Der damals 27-Jährige war selbst überrascht vom Erfolg, der sich von Anfang an einstellte. »Ich war nur noch einmal kurz zu Hause, um mich umzuziehen«, erinnert er sich an den Start im Red Brick. Als er wenig später zurückkam, warteten bereits Hunderte auf den Einlass. »Das war ein positiver Schock«, freut sich Hashash noch heute über die unerwartete Resonanz, die keine Eintagsfliege blieb.

Runde Theke und Rockmusik

Das kann ein Mitarbeiter der damaligen Zeit bestätigen, der seit vielen Jahren vor allem dem sportinteressierten Fernsehpublikum ein Begriff ist. »Sky«-Reporter Jörg Dahlmann kam 1980 als Student nach Gießen und war nicht nur freier Mitarbeiter dieser Zeitung, sondern auch Bedienung und Discjockey im »Brick«. Zu den Erfolgsgeheimnissen der Kultkneipe zählt der 58-Jährige nicht nur die riesige runde Theke, sondern auch die Musik. »Wir haben nicht die klassischen Discoscheiben aufgelegt, sondern eher rockige Sachen«. Das sieht auch Marianne Jung so. »Die Tanzfläche war klein, aber immer voll.«

Für manche Wohnzimmer

Voll war auch das Tanzlokal – besonders am Wochenende. Das »Red Brick« gehörte zu den wenigen Gaststätten in Gießen, die freitags und samstags bis drei Uhr öffnen durften. Entsprechend groß war der Andrang derjenigen, die nachts um eins in den Alten Wetzlarer Weg kamen, um noch einmal richtig Gas zu geben oder einen Absacker zu nehmen. Das Publikum war bunt gemischt: Studenten, Sportler, »aber auch ganz normale Leute, die während der Woche ihrem Beruf nachgingen und am Wochenende Spaß haben wollten«, erinnert sich Marianne Jung. Die Stammgäste kamen aber nicht nur während der heißen Zeiten freitags und samstags ins »Red Brick«. »Manche waren am Stuhl festgewachsen. Für die war es das Wohnzimmer«, sagt die damalige Betreiberin.

Vielleicht blieben die Gäste auch deshalb so gerne an der großen Theke sitzen, weil die Getränkeauswahl besonders individuell war. Die Bedienungen servierten nicht nur Bier und gängige Drinks, sondern auch Eigenkreationen wie »Unsinn« (Metaxa mit Pfirsichsaft) und »Vitaminchen« (Wodka-O-Saft). Wer eine »Droge« bestellte, erhielt Asbach-Cola.

Promis unter den Gästen

Ob es an den fantasievollen Getränkekreationen lag, dass auch immer wieder Promis den Weg ins Brick fanden? Marianne Jung erinnert sich an BAP-Keyboarder Alexander Büchel und Dahlmann hat einst sogar den Chef der Kölschen Band, Wolfgang Niedecken im Alten Wetzlarer Weg bedient. Dass Sportstars ab und zu auf ein Bier ins »Red Brick« kamen, war damals kein Wunder. Gießen hatte nicht nur Bundesliga-Basketball zu bieten, auch die Volleyballer des USC holten in den frühen 80er-Jahren dreimal die deutsche Meisterschaft. Und selbstverständlich schauten auch Weltmeister Horst Spengler vom TV Hüttenberg, »Magier« Vlado Stenzel Formel 1-Pilot Stefan Bellof oder Til Schweiger, dessen Karrierre als Schauspieler noch lange nicht begonnen hatte, ab und zu im »Brick« vorbei.

Knochenjob Gläsersammler

»Sehen und gesehen werden« war schon damals das Motto in einem Lokal, das fast nur aus Theke bestand. Für manchen Gast war allerdings bereits am Eingang Schluss. »Wer volltrunken war, musste gleich draußen bleiben«, erinnert sich Jörg Dahlmann. Und die Anweisung »off limits« setzte vor allem der Chef persönlich rigoros um. Wenn Hashash einen US-Soldaten in seinem Lokal erblickte, konnte er ziemlich ungemütlich werden. Einen schweren Job hatte auch das Thekenpersonal, besonders dann, wenn nach ein Uhr Gäste von überall her kamen und sofort ein Bier haben wollten. Noch härter war der Job allerdings für den, der als »Gläsersammler« ausgeguckt worden war. Ein Mitarbeiter musste sich jeden Abend durch die Menschenmassen wühlen und die leeren Gläser zurück zur Theke bringen. »Das war echte Knochenarbeit«, zeigt Marianne Jung heute noch Mitleid. »Zum Glück mussten das meistens die Männer machen.«

Spaß trotz dicker Luft

Heutzutage undenkbar, damals völlig normal: Im »Brick« durfte noch nach Herzenslust gepafft werden. Daran erinnert sich Nichtraucher Dahlmann nur ungern. »Die Klamotten haben nach einem Abend in der Kneipe total gestunken.« Die Gäste störten sich kaum an der dicken Luft. Bei denen standen Spaß und Unterhaltung im Vordergrund. Das galt auch für den zwischenmenschlichen Bereich. »Ich weiß nicht, wie viele Ehen hier gestiftet worden sind«, unterstreicht Marianne Jung, dass sich im »Brick« etliche Gäste kennen und lieben gelernt haben.

Offenbar hat das Publikum gemerkt, dass die Bedienungen nicht nur einen »Job« gemacht haben, sondern mit Herzblut bei der Sache waren. »Wir haben uns richtig gut verstanden und auch privat viel zusammen unternommen«, blicken Jung und Dahlmann zurück. Oft ging es für das Team von der Theke nach der letzten Runde im »Brick« weiter im privaten Kreis. Manche machten sich jedenfalls erst auf den Heimweg, als es draußen schon hell geworden war.

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