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Rechte Gefahr in der Kulturpolitik

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Von: Karola Schepp

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So sehen derzeit LZG-Lesungen aus: Dr. Jörg Osterloh schaltet sich aus seinem Arbeitszimmer zu und ergänzt seinen Vortrag mit Powerpoint-Abbildungen.	SCREENSHOT
So sehen derzeit LZG-Lesungen aus: Dr. Jörg Osterloh schaltet sich aus seinem Arbeitszimmer zu und ergänzt seinen Vortrag mit Powerpoint-Abbildungen. SCREENSHOT © Karola Schepp

Am Vortag des Holocaust-Gedenktages hatte das LZG zu seinem ersten digitalen Vortrag eingeladen. Der Geschichtswissenschaftler Dr. Jörg Osterloh stellte seine Monografie »Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes« vor. Und die zeigt erschreckende Parallelen auf zwischen dem Antisemitismus der Nazis und aktuellen Versuchen rechter Kreise, auf Kulturpolitik und -schaffen Einfluss zu nehmen.

Rechte attackieren die deutsche Theaterszene seit Jahren immer wieder. Sie klagen gegen Stücke wie »Fear« an der Berliner Schaubühne, stören Inszenierungen, fordern Subventionskürzungen oder suchen Zugang zu Theaterausschüssen. Welche Gefahr dahinter steckt, macht Dr. Jörg Osterloh vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut in seiner Monografie »Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes. Nationalsozialistische Kulturpolitik 1920-1945« deutlich.

Das Buch stellte der Geschichtwissenschaftler auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU nun in einem Digital-Vortrag vor, den Jeanne Flaum moderierte und den mehr als 60 Interessierte am heimischen PC verfolgen konnten. Er spannte den Bogen von der frühen antijüdischen Propaganda bis zur Umsetzung der kulturpolitischen Ziele der NSDAP und bezog in der anschließenden Fragerunde eindeutig Position zur Gegenwart: Die Gefahr sei gegeben, dass die Kulturpolitik wie damals einen Hebel darstelle, eine Interessenkongruenz aufzuzeigen. Schon indem man einem Kunstwerk die Bezeichnung Kunst abspreche, nur weil man es nicht verstehe, oder in Kommunal- oder Länderparlamenten angebliche Steuergelderverschwendung für Kultur anprangere, bestehe die Gefahr eines Brückenschlags aus dem rechten Lager in das Bildungsbürgertum.

So ähnlich waren schon die Nationalsozialisten vorgegangen, wie Osterloh veranschaulichte. Neben der Ausschaltung politischer Gegner war ihr Ziel die Entfernung aller jüdischen Künstler aus den Kulturbetrieben - zunächst vor allem aus den Theatern -, erst in Einzelfällen, später systematisch. Sie gaben sich als Hüter von Anstand und Moral aus und bauten mit ihrer Propaganda auf der deutschvölkischen Ansicht von angeblicher »Verjudung« auf - »vereinfachten, überzeichneten, verzerrten« und waren jederzeit gewaltbereit.

Fehlender Rückhalt in der Bevölkerung

Mit der Gründung der Reichskulturkammer im September 1933 war es möglich, systematisch Kulturschaffende in unterschiedlichen Berufen zu erfassen und so auch den Ausschluss aller jüdischen und politisch »unerwünschten« Künstler zu betreiben. Waren 1938 noch 276 000 Juden in der Reichskulturkammer registriert, waren es ein Jahr später schon nur noch knapp 10 000 »Nicht-Arier«. Hitlers Behauptung von den »kulturschaffenden Ariern und den kulturzerstörenden Juden« standen dabei die Fakten entgegen.

Doch der Bedarf etwa an Schauspielern für die Heile-Welt-Filme dieser Zeit war hoch. Sonderzulassungen mussten immer wieder erteilt werden, Schauspieler wie Hans Moser konnten sich gegen Forderungen, ihre »Mischehe« aufzulösen, durchsetzen, ohne ihrer Karriere zu schaden.

Der Jüdische Kulturbund bot jüdischen Künstlern Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten sowie Darbietungen für ein jüdisches Publikum. Aber die schon in der Weimarer Republik zu beobachtenden rechten Störungen blieben vehement.

Jüdische Künstler fanden in der Bevölkerung aber keinen Rückhalt. In Theateraufführungen wurde gepöbelt, Kontrollbesuche schikanierten jüdische Künstler, angeblich »entartete« Kunst wurde aus Museen und Privatbesitz entfernt, im September 1944 wurden schließlich alle Theater geschlossen. Jüdische Künstler, die nicht ihr Heil in der Emigration gesucht hatten, wurden nach dem Novemberpogrom entrechtet und die meisten von ihnen deportiert und ermordet.

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