Raus aus der Schmuddelecke

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Je früher Fachärzte psychische Krankheiten erkennen, desto besser können sie diese in den Griff bekommen. Nur: Psychosen und Co. werden weiterhin stigmatisiert. Das jetzt gegründete Gießener Aktionsbündnis für seelische Gesundheit will diesem Umstand entgegenwirken – und mit Fakten aufklären.

Psychische Erkrankungen sind der Hauptgrund, warum Menschen frühzeitig in Rente gehen. Jeder vierte Erwachsene hat im Laufe eines Jahres eine psychische Störung – häufig Angststörungen und Depressionen. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Gießen, Professor Christoph Mulert, sagt deshalb: "Psychische Erkrankungen kommen genauso häufig vor wie eine Grippe. Sie gehören zu uns. Sie gehören zum Leben." Trotzdem wird dieses breite Krankheitsbild stigmatisiert, viele assoziieren mit Psychosen zum Beispiel Gewaltbereitschaft. Um diesem Bild Fakten entgegenzusetzen und aufzuklären, ist in Gießen ein Aktionsbündnis für seelische Gesundheit gegründet worden. Beteiligt sind das Gesundheitsamt beim Landkreis Gießen, Kliniken, Betroffene, Angehörige und später auch Schulen und Kirchen. "Alle Beteiligten ziehen an einem Strang, um das Thema aus der Schmuddelecke zu holen", sagt Mulert.

Seit Jahrhunderten werden Menschen mit psychischen Erkrankungen ausgegrenzt. Auch in der Neuzeit wurden sie in Anstalten weggesperrt. Ein Paradigmenwechsel, sagt Mulert, habe es erst seit den 70er Jahren gegeben. Doch die Stigmatisierung psychisch Erkrankter hält weiter an. Klar, sagt der Psychiater, die Sensibilität für das Thema Depression habe zugenommen. Zugenommen habe aber auch, dass Menschen mit Psychosen wie einer Schizophrenie Negatives verbinden. Damit einher gehe eine Selbststigmatisierung von Betroffenen, sagt Mulert. Die Folge: Sie holen sich keine Hilfe.

Dabei können Fachärzte die Krankheit in den Griff bekommen, wenn sie früh- und rechtzeitig eingreifen. Hinzu kommt die Erkenntnis, sagt der Facharzt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß einer Ausgrenzung von psychisch Kranken und Suizid gebe. Je offener in einer Gesellschaft darüber gesprochen wird, desto weniger Menschen beenden eigenhändig ihr Leben. "Es geht darum, das Stigma zu beenden", sagt Mulert, "und Leben zu retten."

Marco Auernigg ist Leiter des sozialpsychiatrischen Dienstes beim Gesundheitsamt des Landkreises Gießen. Er betont, die Annahme, Menschen mit Psychosen würden eher Gewalt ausüben als andere, sei grundlegend falsch. "Von der Gesamtzahl der Straftaten fallen 0,05 Prozent unter die volle und 2 Prozent unter die verminderter Schuldunfähigkeit." Eine Psychose alleine bedeute noch lange keine Gewalttat. Vielmehr spielten das Umfeld und die Sozialisierung eine genauso wichtige Rolle – also eine frühe Gewalterfahrung oder mangelnde Unterstützung in Kindheit und Jugend. "Es gibt keine Häufung von Gewaltdelikten bei Menschen mit psychischer Erkrankung", sagt auch Mulert. Jedoch könne es bei einer kleinen Gruppe von schizophrenen Patienten sehr wohl verstärkt zu Gewalt kommen. "Wird eine Schizophrenie rechtzeitig erkannt, umfassend und erfolgreich behandelt und versorgt, dann gibt es kein erhöhtes Gewaltrisiko."

Woher kommt das Bild vom gewaltbereiten psychisch Kranken? Zunächst einmal zeichne die ausufernde Medienberichterstattung über Einzelfälle wie die Angriffe auf Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine ein falsches Bild, sagt Auernigg. Außerdem werde Gewalt auch in Filmen und (Populär-)Literatur immer wieder mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. "Und das ist dann auch die Botschaft, die viele Menschen erreicht", sagt Auernigg.

Dass dieses Bild nicht von heute auf morgen verändert werden kann, ist Auernigg und Mulert klar. Sie setzen auf Kontinuität. Ein Baustein dabei ist die Gründung des Aktionsbündnisses für seelische Gesundheit. In diesem Zusammenhang stand auch der Tag der seelischen Gesundheit, der kürzlich in Gießen stattgefunden hat. "Eine riesige Resonanz" habe es darauf gegeben, betont Auernigg. Das bestätigt die Initiatoren, auf dem richtigen Weg zu sein.

Dazu gehört auch Transparenz. Erklären, wie beispielsweise der sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes im Fall der Fälle vorgeht. Einfach sei eine Behandlung, wenn sich Betroffene direkt an die Einrichtungen wenden und dann "behutsam" herangeführt werden, sagt Auernigg. "Ist der Fall akut, gibt es keine Wartezeit in der Klinik", betont er. Schwieriger sei es, wenn Betroffene Hilfe ablehnen und den Kontakt zum Umfeld abbrechen.

Gibt ein Dritter dem Gesundheitsamt einen Hinweis, nehmen die Experten sofort Kontakt zum Erkrankten auf. Weitere Schritte sind ein angekündigter oder ein unangekündigter Besuch. Letzteres passiere nur, wenn Gefahr im Verzug sei. "Wir rücken aus, um uns ein Bild der Lage zu machen, ins Gespräch zu kommen." Wenn ein Betroffener auf keinen Fall sich selbst überlassen werden kann, versucht das Gesundheitsamt, ihn in eine Klinik zu bringen – notfalls und als Ultima Ratio mithilfe der Polizei.

Wenn jemand gegen seinen Willen in eine Klinik kommt, entscheidet der aufnehmende Arzt der Psychiatrie, ob der Patient für 24 Stunden in stationärer Behandlung bleibt. Über einen weiteren Verbleib muss ein Betreuungsrichter entscheiden. Es muss, betont Auernigg, zwingend Gründe für eine langfristige Unterbringung in der Psychiatrie geben. Konkret: Ein Mensch gibt an, er habe Geräte im Körper. "Das kann Ausdruck eines Wahns sein, aber unter Umständen erst mal keine unmittelbare Gefahr", sagt er. Hat die Person aber bereits versucht, mit einem Messer die eingebildeten Geräte herauszuschneiden, ist der Fall anders zu beurteilen.

Seit Kurzem gibt es am Uniklinikum Gießen ein Früherkennungszentrum. Offiziell eröffnet werden soll es im März. "Wir haben aber nicht so lange gewartet und die Arbeit bereits aufgenommen", sagt Mulert. Hintergrund ist, dass Dreiviertel aller psychischen Erkrankungen bis zum 25. Lebensjahr erstmals auftreten. Eine besondere Phase, sagt Mulert, in der Menschen viele Freiheiten, Chancen und Herausforderungen erleben, aber auch besonders anfällig sind für Rückschläge. "Wir schaffen ein besonderes Angebot, damit die Barriere sinkt, sich frühzeitig und schnell Hilfe zu holen."

Das Früherkennungszentrum ist erreichbar unter Tel. 06 41/9 85-4 57 20 oder E-Mail (psych.früherkennung.giessen@uk-gm).

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