oli_abstandsschooling1_0_4c
+
Mit Abstand und Maske können Kinder und Jugendliche wie hier im Nordstadtzentrum am digitalen Unterricht teilnehmen.

Schule

Raum zum Reden und Lernen in Gießen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
    schließen

In Gießen gibt es jetzt digitale Lernräume. Dort können Schüler, denen zu Hause Technik oder Rückzugsmöglichkeiten fehlen, in Ruhe arbeiten.Und man hört ihnen zu.

Mit einem Stoßseufzer lässt sich der Jugendliche zurück in den Stuhl fallen. Er lässt die Arme hängen und murmelt Johannes Giesler zu: »Das will nicht in meinen Kopf rein, der platzt bald.« Giesler geht im Flur der ersten Etage im Nordstadtzentrum in die Hocke - mit Abstand und Mundnasenschutz. Dann sagt er: »Komm, wir schauen nochmal zusammen drüber.« Giesler ist Mitarbeiter im Stadtteilzentrum. Dort befindet sich einer von sieben digitalen Lernräumen, die die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Träger der Schulsozialarbeit »Gießen@Schule«, dem Schulverwaltungsamt sowie den Trägern von Stadtteil- und Jugendzentren im Dezember eröffnet hat. Ein weiterer soll hinzukommen (siehe unten). Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser sagt: »Es ist ein Baustein, durch den wir einer kleinen Gruppe von Kindern und Jugendlichen gerecht werden, die sonst abgehängt werden könnten.« Sie betont: Das Angebot kann den Schulunterricht nicht ersetzen.

Als die Schulen während des ersten Lockdowns schließen mussten, wurde eines deutlich: Die Bildungschancen gehen durch den digitalen Unterricht noch weiter auseinander. Einige Kinder und Jugendliche besitzen keinen Laptop. Andere haben kein eigenes Zimmer und können sich zum Arbeiten nicht zurückziehen. Diese Gruppe zu erreichen, ist für Lehrkräfte schwer. Dementsprechend sind Schulen froh über das Angebot. Der Leiter der Gesamtschule Gießen-Ost, Dr. Frank Reuber, legt zum Beispiel immer wieder Schülerinnen und Schülern den Besuch der Lernräume ans Herz.

Gießen kann im sozialen Bereich auf etablierte Netzwerke bauen. Auch jetzt haben sich diese bewährt. Die Lernräume sollten wohnortnah erreichbar sein. Da es eine Überschneidung der Zielgruppen von Stadtteil- und Jugendzentren und Lernräumen gibt, war die Standortfrage schnell geklärt. Während der Pandemie findet in den Häusern keine Jugendarbeit statt; ausreichend Räume sind also vorhanden. Die sind mit der nötigen Technik ausgestattet, damit hier digital gelernt werden kann.

Ebenfalls im ersten Lockdown kam der Kontakt zum Zentrum für Lehrerbildung zustande. Von dort gab es die Anfrage an die Stadt, ob Lehramtsstudierende bei der Notbetreuung in den Schulen helfen könnten. Als die digitalen Lernräume konzipiert wurden, konnten Studierende deshalb schnell als Honorarkräfte gewonnen werden - nach Bewerbungsgesprächen und der Vorlage des polizeilichen Führungszeugnisses.

Hannah Dübbelde koordiniert für Gießen@Schule die Standorte mit den 22 studentischen Honorarkräften. Diese sind in Stadtteilteams aufgeteilt. So soll ein Vertrauensverhältnis zwischen Lernenden und Betreuenden gewährleistet sein. Kinder und Jugendliche ab der fünften Klasse können sich im Internet auf www.giessenatschule.de anmelden. Dort gibt es für jede Einrichtung einen Belegungsplan. Auf dem ist einsehbar, ob es noch freie Plätze gibt. In Gießen gibt es vormittags 30 Plätze. Wenn ein Platz etwa eineinhalb Stunden besetzt ist, können 90 Kinder und Jugendliche am Tag das Angebot nutzen, sagt Eibelshäuser.

Lockerer Rahmen

Im Nordstadtzentrum haben fünf Schülerinnen und Schüler gleichzeitig Platz. Betreut werden sie an diesem Vormittag von Giesler und einer Studentin. Sie helfen Kindern und Jugendlichen, sich bei Videokonferenzen einzuwählen, ihre Aufgaben herunterzuladen oder bei Fragen rund um den Lernstoff. »In erster Linie sind wir aber einfach da«, sagt Giesler. Oft stehe die Beziehungsarbeit im Mittelpunkt: Miteinander reden, zu fragen, wie es den Kindern und Jugendlichen geht. Deshalb halten die Betreuer auch Kontakt zu Lehrkräften. Es geht vor allem darum, so viele Schülerinnen und Schüler in dieser seit fast einem Jahr anhaltenden Ausnahmesituation zu erreichen - und zu begleiten.

Viele Kinder und Jugendliche kommen immer wieder, erzählen Dübbelde und Giesler. Das liegt zum einen am lockeren Rahmen; eine Anwesenheitspflicht gibt es nicht. Trotzdem sagt ein Mädchen dem 29 Jahre alten Betreuer Bescheid, als sie ihre Sachen packt. Zum anderen geht es auch um Gesellschaft. Giesler berichtet von einem Jungen, der ihm sagte, dass er unbedingt wieder die Schule besuchen wolle.

Ein 17 Jahre alter Junge, der sich in einem der Räume über seine Arbeitsunterlagen beugt, sagt: »Hier in der Gruppe kann ich besser lernen und lenke mich nicht selbst ab.« Drei Plätze neben ihm sitzt ein 15 Jahre altes Mädchen; sie kommt gebürtig aus Irak und sagt, ihr Deutsch sei noch nicht so gut. Deshalb brauche sie Hilfe, die sie hier erhalte. Am anderen Ende des Tisches sitzt ein 15 Jahre alter Junge, der mit leiser Stimme sagt: »Zuhause habe ich keinen Computer und kann nicht arbeiten.« Dann blickt er die Betreuer und die zwei anderen Jugendlichen an und sagt: »Und mir gefällt die Offenheit hier. Ich kann auch mal mit anderen Leuten reden.«

Die Lernräume befinden sich in Jugend- und Stadtteilzentren.

Jokus Gießen

Gemeinwesenarbeit West

Begegnungszentrum Walltor 3

Margaretenhütte

Gemeinwesenarbeit Eulenkopf

Nordstadtzentrum

Jugendhaus Wieseck

Ein weiterer Standort soll im Holzpalast in der nördlichen Weststadt hinzukommen. Ein Lernraum an der Grünberger Straße wurde wegen mangelnder Auslastung geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare