Auch am Oswaldsgarten treiben Ratten ihr Unwesen.
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Auch am Oswaldsgarten treiben Ratten ihr Unwesen.

Ratten

Ratten in Gießen auf dem Vormarsch

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Mit einer Population von grob geschätzt 400 000 Tieren ist Gießen eine Ratten-Metropole. Um die Verbreitung der Nager einzudämmen, hat die Stadt nun eine großangelegte Kampagne gestartet.

Blauer Himmel, Sonne satt, kaum Regen: Der Sommer 2018 hat viele Rekorde gebrochen. In Massen zogen die Gießener ins Freie, zum Beispiel an die Lahn oder in den Stadtpark, und genossen das gute Wetter. Doch nicht nur die Menschen erfreuten sich an dem Jahrhundertsommer, sondern auch die Ratten. Durch die vielen Essensreste und Grillabfälle, die im Freien zurückgelassen wurden, konnten sich die unliebsamen Nager rasant vermehren. Daher hat die Stadt den Ratten jetzt den Kampf angesagt. Mit einer groß angelegten Kampagne wollen die Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) die Bürger sensibilisieren, keine Essensreste in die Toilette oder die Natur zu werfen.

Der Mensch und die Ratte sind seit jeher keine Freunde. Das hat gute Gründe. Die Nager können bis zu 120 Infektionskrankheiten übertragen, darunter das Hantavirus, Typhus und Cholera. Sie verunreinigen Nahrungsvorräte und knabbern sich durch allerhand Material, zum Beispiel Stromkabel. Und nicht zuletzt rufen sie bei vielen Menschen Angst und Ekel hervor.

Genauer Zahlen über die Größe der Gießener Rattenpopulation kann MWB-Betriebsleiter Clemens Abel nicht nennen. »Aber man sagt, dass in vielen deutschen Städten fünf Ratten auf einen Menschen kommen«. Rechnet man das auf die rund 87 500 Einwohner Gießens um, wären das 400 000 Ratten. Dass der Mensch sie nicht so häufig zu Gesicht bekommt, liege an ihrer scheuen Art, so Abel, außerdem biete ihnen das 500 Kilometer lange Kanalnetz neben Nahrung auch eine hervorragende Möglichkeit, unbehelligt von A nach B zu kommen. Und trotzdem hätten sich die Anrufe von Bürgern wegen Rattensichtungen erhöht.

Mit ihrer Kampagne »No Food, no Rats« wollen die Wasserbetriebe in Zusammenarbeit mit dem Stadtreinigungs- und dem Gartenamt gegen diese Plage vorgehen. Der Name ist dabei Programm: »Wir wollen die Bürger sensibilisieren, keine Essensreste in den Abfluss zu werfen. Außerdem sollte kein Abfall in Parks, Höfen oder neben Mülleimern liegengelassen werden«, betonte MWB-Mitarbeiterin Kerstin Westbrock am Mittwoch im Rathaus. Denn je mehr Futter den Ratten serviert werde, desto schneller würden sie sich vermehren.

In den nächsten drei Monaten sollen Plakate im Stadtgebiet auf die Kampagne hinweisen. Zudem werden Busse, Müllautos, Kehrmaschinen und MWB-Fahrzeuge mit den Postern beklebt. Eine Internetseite (www.nofoodnorats.de) gibt es ebenfalls.

Das Budget der Kampagne liegt bei 15 000 Euro. Abel geht aber davon aus, dass sich die Investition lohnen wird. Auch finanziell. Die Bekämpfung der Ratten verschlingt nicht nur viel Zeit, sondern auch jährlich 30 000 Euro. Denn einfach Rattengift in den Kanal zu schütten, wie es früher einmal der Fall gewesen sei, sei heute wegen strenger Vorgaben undenkbar. »Wir haben bei uns drei für geschulte Fachkräfte, die sich mit der Rattenbekämpfung beschäftigen.«

Einer davon ist Hans Georg Künzel. Der MWB-Angestellte hatte extra eine grüne Box mit ins Rathaus mitgebracht, um den Aufwand der Rattenbekämpfung du demonstrieren. Demnach werden diese Kästen im Kanal angebracht und zunächst mit einem ungiftigen Lockstoff ausgestattet. Dadurch soll getestet werden, ob an besagter Stelle tatsächlich ein Befall vorliegt. Per Bewegungsmelder erfahren die Mitarbeiter dann, ob eine Ratte angebissen hat. »Erst bei einem richtigen Befall, also ab 75 Ratten innerhalb von zehn Tagen, werden toxische Stoffe eingesetzt.« 20 solcher Behälter gebe es im Stadtgebiet, sie zu kontrollieren, beschäftige zwei Mitarbeiter einen ganzen Tag lang. Die Verantwortlichen erhoffen sich daher, durch die Präventionskampagne schlussendlich sogar Kosten zu sparen und dabei gleichzeitig die Natur zu schonen, da weniger Gift in den Kreislauf gegeben werden müsse.

Das gefällt auch Gerda Weigel-Greilich. Die Umweltdezernentin erhofft sich aber auch andere Effekte durch der Kampagne. Zum Beispiel weniger Schäden in Hausleitungen, Kanälen und den Klärwerken durch heruntergespülte Essensreste. Ihr gehe es aber auch um die Resourcenschonung. »Es ist wichtig, Lebensmittel nicht zu verschwenden.« Den Nagern dürfte dieser nachhaltige Gedanke weniger schmecken.

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