Rund um das Döner-Dreieck befinden sich viele türkische Geschäfte. Einigen Migranten sorgen sich um ihre Sicherheit.
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Rund um das Döner-Dreieck befinden sich viele türkische Geschäfte. Einigen Migranten sorgen sich um ihre Sicherheit.

Nach Hanau

Rassistischer Anschlag von Hanau: Auch Migranten in Gießen in Sorge

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der rassistische Anschlag von Hanau sorgt auch bei Gießener Migranten für Trauer und Entsetzen. Sie machen sich zudem Sorgen um ihre Sicherheit.

Gießen ist eine multikulturelle Stadt. Menschen mit griechischen, syrischen, italienischen oder japanischen Wurzeln gehen in russische Supermärkte, afghanische Restaurants und vietnamesische Lebensmittelmärkte. Vor allem die türkische Gemeinde ist groß. Für die zweite und dritte Generation der Gastarbeiterwelle ist Deutschland längst zur Heimat geworden. Trotzdem werden sie von einigen Mitbürgern als unerwünschte Fremdkörper gesehen. Und von manchen sogar als Zielscheibe.

Am Mittwoch tötete ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund. Der Anschlag in einer Shisha-Bar und einem Kiosk ist der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe rechtsextremer Straftaten der vergangenen Monate. Kein Wunder, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund zunehmend bedroht fühlen. Auch in Gießen.

Ayse schlendert am Freitagvormittag über den Seltersweg. Die Gießenerin ist 24 Jahre alt und hat türkische Wurzeln. "Ich mache mir schon Sorgen, vor allem, weil ich ein Kopftuch trage", sagt die junge Frau. Und weil Hanau eben nicht weit entfernt liege. "Vielen meiner Freunde geht es so. Der Hass ist beängstigend."

Oft fängt es im Netz an. Hetze, Hass und Diskriminierung im Internet haben in den letzten Jahren massiv zugenommen. Vergangene Woche erst referierte Dr. Benjamin Krause, Oberstaatsanwalt von der Frankfurter Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, in Gießen über Hasskommentare im Internet und betonte dabei: "Hate Speech kann radikalisieren". Die Tat von Hanau ist ein weiterer trauriger Beleg dafür, wie aus Worten Taten werden können.

"Wir sind natürlich erschüttert", sagt der türkische Bäcker aus der Nordstadt. Auch er mache sich Sorgen, heutzutage könne man nicht mehr wissen, was als nächstes geschehe. So gehe es vielen Gießener Migranten, sagt der junge Mann. "Ich war gestern in ein paar türkischen Lokalen unterwegs. Dort wird über nichts anderes gesprochen."

Das trifft auch auf das Döner-Dreieck zu. Auf die Frage, ob er sich wegen Hanau Sorgen mache, winkt der Imbissverkäufer nur ab. "Wir machen uns jeden Tag Sorgen, nicht nur jetzt." Solch eine Tat könne jederzeit und überall passieren. "Um ehrlich zu sein, wir haben nichts anderes erwartet."

So weit geht Tamer Yilmaz nicht. Der Geschäftsführer der Stadtbäckerei an der Walltorstraße macht sich aber natürlich auch seine Gedanken. Nicht in erster Linie, weil er sich direkt bedroht fühlt. Vielmehr fürchtet er die zunehmende Spaltung der Gesellschaft. "Es darf nicht noch mehr Hass entstehen. In meinem Café sitzen deutsche und ausländische Gäste zusammen. Wir müssen mehr zusammenhalten, egal, wo wir herkommen."

Der aus Gießen stammende Aktivist und Buchautor Ali Can warnt schon lange vor der Spaltung der Gesellschaft durch Hass und Rassismus. Und ja, auch er persönlich macht sich Gedanken um seine Sicherheit, zum Beispiel bei seiner Lesereise. "Gerade Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, die in der Öffentlichkeit präsent sind, werden oft zur Projektionsfläche des Hasses", sagt der Initiator der Kampagne #MeTwo. Can fordert daher besseren und unbürokratischeren Schutz. Gerade Shisha-Bars oder türkische Cafés seien für viele Migranten sichere Orte, in denen sie keine Sorge haben müssten, wegen ihres Aussehens abgewiesen zu werden. "Wenn wir diesen Schutz nicht kriegen", sagt Can, "sind wir aufgeschmissen."

Man könnte Parallelen zwischen Hanau und Gießen ziehen. Die Städte sind ähnlich groß und bevölkerungsstark, im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, von den amerikanischen GIs geprägt, viele Migranten leben hier. Aber das hat keine Aussagekraft. Solche Taten können sich überall ereignen. Jeder Ort kann Hanau sein.

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